Familiengeschichten

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Franziska und Juan

Als Franziska, das einzige Kind, mit achtzehn Jahren ihren Juan heiratete, freuten sich Lilli und Hans auf ihre Enkelkinder und schmiedeten bereits Pläne, was sie alles mit ihnen unternehmen würden. Trotz zunächst vorsichtiger und dann immer drängenderer Nachfragen blieben die Enkel jedoch aus.

Als Lilli und Hans älter wurden, wurde das Haus, das sie direkt nach der Hochzeit gebaut hatten, schnell zu groß für sie, sodass sie das Obergeschoss zu einer getrennten Wohnung umbauten. Als ihre Mieter vor zehn Jahren auszogen, boten sie ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn an, bei ihnen einzuziehen, damit zwei junge Leute wieder Leben ins Haus bringen könnten und jemand da wäre, falls sie einmal Hilfe brauchten.

Mittlerweile haben Franziska und Juan auch schon graue Haare und immer noch keine Kinder. Dafür ist das Haus bei den Nachbarskindern eine beliebte Anlaufstelle, da Opa Hans und Oma Lilli immer Zeit für sie haben und Tante Franziska eine großartige Märchenerzählerin ist. Onkel Juan hat den Keller zu einem riesigen Hobbyraum mit Werkbank und Kickertisch umgebaut, und manchmal gibt es im Garten Feste, zu denen alle Nachbarn etwas zu essen mitbringen. Mit einigen Kindern hat sich eine feste Freundschaft entwickelt und Franziska und Juan teilen auch mit den erwachsen Gewordenen Freude und Leid. Oft denken sie, dass ihr Leben einfacher war, als das der jungen Menschen heute. Besonders die jungen Männer, die keine Bildungskarriere geschafft haben, finden keinen Platz in dieser Gesellschaft. Die Arbeitssituation ist häufig unbefriedigend und entwürdigend. Gibt es mal eine Anstellung, ist sie befristet auf zwei Jahre – wie soll Leben - gar Familie geplant werden, wenn es keine Perspektive und ein einigermaßen gesichertes Auskommen gibt?

Hans und Lilli sind jetzt über achtzig und teilweise stark pflegebedürftig. Noch ist das alles gut zu schaffen, Franziska und Juan haben sich fortgebildet und Sicherheit für die Aufgabe entwickelt. Darüber, was geschieht, wenn die Pflege sich über viele Jahre hinzieht und sie selbst es körperlich nicht mehr leisten können, denken sie nicht nach. Noch ist es gut so und sie freuen sich, den Eltern Lebensqualität erhalten zu können.