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Zwischen Autonomie und Angewiesenheit
Herausforderungen für die Familienpolitik aus evangelischer Perspektive

Vortrag Cornelia Coenen - Marx, Kiel September 2012

Mobiles Paar, verpasstes Familienleben?

Die Philosophin Hanna Arendt hat die modernen, westlichen Gesellschaften als Arbeitsgesellschaften bezeichnet. An der Arbeit hängt die Subsistenz des Einzelnen, an der Arbeit hängen auch unsere Sozialversicherungen. Arbeitsfähig zu bleiben, die eigene Arbeitskraft gut verkaufen können, ist deshalb ein wesentliches Ziel „Emploayability“ heißt das neue Zauberwort in Europa. Die amerikanische Zeitschrift Time-Magazin hat in ihrer März-Ausgabe 10 Trends,  die unser Leben verändern. Trends wie die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, das Verschwinden der Privatsphäre und vor allem das Single-Dasein. 28% aller US-Haushalte sind heute Single-Haushalte, verglichen mit 9% in den 50er Jahren - ein enormer Anstieg. In Schweden sind es übrigens 47 Prozent, in Großbritannien 34, in Japan 31 Prozent – aber in Kenia nach wie vor nur 15, in Indien sogar nur 3 Prozent. Der Autor, der Soziologieprofessor Eric Klinenberg, kommt in seinem Artikel zu dem Ergebnis, dass Alleinleben der beste Weg ist, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle.

Auch wenn die Junggesellenabschiede heute größer gefeiert werden als je – allein zu leben, ist längst kein Durchgangsstadium mehr. Und auch wenn „ Fräulein“ neuerdings wieder ein Zeitschriftentitel ist - die alte Jungfer ist Vergangenheit. Single zu sein, ist eine Lebensform - genauso wie Alleinerziehend zu sein. Von vielen frei gewählt oder in Übergangsphasen bewusst gestaltet. Auch viele Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gründen über lange Zeit getrennt leben und die eigenen Spielräume neu ausloten. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren ist betroffen - und für viele ist das der selbstverständliche Preis für berufliche Mobilität und Karriere. Sie leben die dominierenden Werte unserer Gesellschaft: Autonomie, Selbstoptimierung und Anpassung an den Markt.  Die jungen Frauen, die in Deutschland oder Polen mit der Arbeit von Ost nach West gezogen sind, die Familienväter, die montags bis freitags unterwegs sind, gehen den Märkten nach. Zurück bleiben die Alten und oft genug die Kinder. „ Fernliebe und Familienglück- ein Widerspruch?“, fragt Alexandra Berger in ihrem Buch: „ Liebe aus dem Koffer“. Ich habe es gekauft, als wir selbst einige Jahre lang aus beruflichen Gründen eine Pendler-Ehe führten. Treffend nennt Alexandra Berger darin die Lebensformen der Mobilen beim Namen: „ Weiblich, mobil, kinderlos“, „ Männlich, mobil, Kinder- ein Lebensmodell auf Kosten der Frau“ – und „Mobiles Paar, verpasstes Familienleben.“

So wichtig das Streben nach Emanzipation und Eigenständigkeit ist – es ist zugleich von einer anderen Grunderfahrung  getragen und umrahmt: Wir sind Beziehungswesen – oder, um es mit Plessner zu sagen: „Wir sind in das Glück der anderen hineingeboren.“ Wir wachsen in Abhängigkeit, in asymmetrischen Beziehungen auf und  wir bleiben auf andere angewiesen, wenn wir als Erwachsene in Arbeitsbeziehungen kooperieren oder in Krankheit und Pflegebedürftigkeit Hilfe brauchen. Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird davon erzählt: „Es ist nicht gut, wenn  der Mensch allein ist“. Er braucht jemanden, der ihn versteht und seine Sprache spricht, er ist auf ein Gegenüber angewiesen, einen Menschen auf Augenhöhe, der spannungsreich anders, aber doch ebenbürtig ist. Im Glück sexueller Begegnung „erkennen“ wir unseren Partner, unsere Partnerin als „Fleisch von meinem Fleisch“, in der körperlichen Hingabe erleben wir  ein Angewiesensein jenseits von Hilfebedürftigkeit. Die Erfahrung einer Ergänzung, die uns gerade nicht unfrei macht, sondern viel von dem frei setzt, was unsere Person ausmacht. Wir sind Beziehungswesen. In der Auseinandersetzung mit Eltern und Geschwistern und der Liebe zu einem Partner oder einer Partnerin finden und entwickeln wir unsere eigene Identität, erst in der Erfahrung der eigenen Unvollkommenheit und Angewiesenheit reifen wir zu erwachsenen Menschen, die dann auch bereit sind, Verantwortung für die nächste Generation zu übernehmen.

 

Die Ad-hoc-Kommission der EKD

Vor drei Jahren hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland eine Ad-hoc-Kommission berufen, die kirchliche Empfehlungen für die aktuellen familienpolitischen Herausforderungen erarbeiten sollte. Die Kommission unter Leitung der ehemaligen Familienministerin Dr. Christine Bergmann bekam den Auftrag, sich mit der offensichtlichen Spannung zwischen dem Wunsch nach stabilen Ehen und Familien einerseits und der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit hohen Scheidungsrate und einer großen Zahl Alleinlebender und Alleinerziehender andererseits auseinander zu setzen und angesichts der sozialpolitischen Rahmenbedingungen  über die Bedeutung von Partnerschaft und Ehe für die Sorgearbeit nachzudenken. Von Anfang an hat die Kommission ihre Arbeit in der Spannung von Autonomie und Angewiesenheit gedacht.

Dabei standen uns die wesentlichen Veränderungsprozesse und Herausforderungen vor Augen, die Familien heute kennzeichnen.  Drei greife ich heraus - und gleich die erste hat mit dem Thema Zeit zu tun.

Die Zeit für Familiengründung ist knapp: Lange Ausbildungszeiten und schwierige Berufseinstiege haben zur Folge, dass die Geburt von Kindern im Lebenslauf immer weiter hinausgeschoben wird: Das Durchschnittsalter der Erstgebärenden liegt gegenwärtig bei 29 Jahren (Ostdeutschland: 27 Jahre), 60% der Kinder werden von Müttern zwischen 26-35 geboren (Statistisches Bundesamt 2012: 9f.). Und – auch daran sei hier erinnert- ein nicht kleiner Teil der betroffenen Frauen leiden darunter, dass ihr Kinderwunsch sich nicht, wie geplant erfüllt, weil die Zeit knapp geworden ist, weil sie den richtigen Partner nicht gefunden haben.  Reproduktionsmedizin spielt bei der Familienplanung eine immer größere Rolle. Ein Drittel aller Kinder werden zudem nicht ehelich geboren. Das sind doppelt so viele, wie noch vor zwanzig Jahren. Hier besteht allerdings ein markanter deutsch - deutscher Unterschied: Im Westen sind es nämlich nur 27% der Kinder, im Osten 61%. Auch wenn Hochzeiten groß gefeiert werden: die Attraktivität der Ehe sinkt und dem entspricht auch ein Rückgang kirchlicher Eheschließungen. Die Zahl der Trauungen mit Taufen, der so genannten Traufen allerdings steigt: denn die ist Ehe zunehmend nicht mehr Voraussetzung, sondern Folge gemeinsamer Kinder.

Dabei nimmt die Vielfalt des Familienlebens zu. Der Anteil Alleinerziehender (19 %) und nichtehelicher Lebensgemeinschaften (knapp 9 %) ist deutlich angestiegen - auch hier zeigt sich allerdings ein großer Unterschied zwischen Ost und West. In Ostdeutschland machen verheiratete Familien nur noch knapp die Hälfte aus, während jede vierte Familie eine Ein - Eltern-Familie ist und jede fünfte auf Grundlage einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft beruht. Rund 11.500 Kinder. die meist aus früheren heterosexuellen Partnerschaften stammen, wachsen zudem in Regenbogenfamilien auf. Zwar sind noch 72 Prozent der Familien Ehepaare mit Kindern (BMFSFJ 2012: 22), aber Familien auf Ehebasis sind zunehmend Patchwork-Konstellationen. Familie ist nicht mehr die vielbeschworene „Gemeinschaft des Blutes“, sie ist nicht einfach Schicksalsgemeinschaft, sondern mehr und mehr auf Entscheidungen füreinander gegründet; sie braucht deshalb bewusste Arbeit an einer gemeinsamen Identität und Kultur und Zeit für vielfältige Kontakte - zu Hause, aber auch mit Elternteilen und Verwandten, die an anderen Orten wohnen. Ein Projekt wie „ Mein Vati kommt“, mit dem Besuche von Vätern bei ihren Kindern unterstützt werden, zeigt, dass es dabei nicht nur um Zeit geht, sondern auch um Geld.

Dabei wächst die gesellschaftliche und ökonomische Spreizung - nicht nur deshalb, weil sich die sozialen Milieus in Deutschland in hohem Maße auseinander entwickeln. Auffällig ist die Polarisierung sozialer Lebenslagen zwischen Ein - und Zwei - Verdiener Haushalten, vor allem aber zwischen denen, die für Kinder sorgen und denen, die keine Kinder zu versorgen haben. Familienarbeit wird finanziell nur honoriert, wenn sie ehebasiert ist. Auch deshalb sind Alleinerziehende, die kaum in Vollzeit arbeiten könne, überdurchschnittlich häufig von Einkommensarmut betroffen. :Mit einem Kind sind sie zu 46%, mit zwei und mehr Kindern sogar zu 62% armutsgefährdet. In Paarhaushalten liegt die Armutsrisikoquote dagegen je nach Kinderzahl zwischen 7 und 22 %. Kinder, die in diesen Familien groß werden, erfahren häufig Ausgrenzung - in ihren Familien häufen sich die Unterversorgungslagen, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch, was Gesundheit und Bildung angeht..Der Streit um Betreuungsgeld und Krippenplätze, dreht sich nicht zuletzt um die Frage, was nötig ist, um die Chancen dieser Kinder zu verbessern.

 

Die Zahl der Kinderkrippen, Kindergärten und Schulhorte ist in Deutschland Ost und West ähnlich unterschiedlich wie die Situation von Ehe und Familie. Hier zeigt sich der deutliche Zusammenhang von Familienpolitiken und gesellschaftlicher Entwicklung. Die Gleichberechtigung in der Erwerbsarbeit, die sich die Frauenbewegung im Westen seit Ende der 60er Jahren auf die Fahnen geschrieben hatte, galt lange Zeit als „eine der größten Errungenschaften“ der DDR und wurde seit den 1970er Jahren durch ein ganzes Bündel sozialpolitischer Maßnahmen mit Hilfen für Mutter und Kinder wie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestützt. Damit sollte sowohl der ‚Wille zum Kind’ gestärkt werden; es ging aber auch um die Rekrutierung von Frauen für den Arbeitsmarkt. Und tatsächlich lag die Frauenerwerbsbeteiligung 1989 bei fast 90 Prozent im Gegensatz zu 55 Prozent in Westdeutschland. Entgegen der politischen Zielsetzung blieb aber Familie Privatsphäre, ein Schutzraum,  in dem sich individuelle Initiativen entwickeln konnten. Nicht nur die Leitbilder der Familienpolitik, sondern auch die Frage, in welchem Maße solche Leitbilder überhaupt eine Rolle spielen dürfen, sind bis heute strittig. Gerade die Vielfalt des Familienlebens ist ein starkes Argument für individuelle Gestaltungsfreiheit - doch braucht auch Wahlfreiheit eine politische Rahmensetzung und Infrastruktur, die sie ermöglicht. Das will die Familienkommission der EKD stark machen.

 

Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken

Familie ist, wo Kinder sind“, heißt die politische Formel, mit der die Vielfalt der Familienformen in einem neuen Leitbild zusammengefasst wird. Dieser so genannte erweiterte Familienbegriff ist aber angesichts des demographischen Wandels unvollständig: Familie ist nämlich überall dort, wo private Sorgearbeit geleistet und Zusammenhalt zwischen den Generationen gestaltet wird - das gilt auch für erwachsene Kinder mit ihren pflegebedürftigen Eltern. Die allermeisten Menschen sehnen sich nach einem solchen Raum der Geborgenheit, der wechselseitigen Fürsorge und Entlastung, nach einem Ort der Liebe und Freundschaft. Gleichwohl zerbrechen Familien an äußerer und innerer Überforderung. Wenn alle erwachsenen Erwerbstätigen - Frauen wie Männer, unabhängig von ihren familialen Verpflichtungen - dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen sollen, wie es sowohl im SGB II als auch im Unterhaltsrecht voraus gesetzt wird, dann brauchen Familien mehr Unterstützung bei Erziehung und Bildung, bei der Pflege und in Krisensituationen. Sie brauchen Unternehmen, die der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hohe Priorität einräumen, Ganztagsangebote in der Bildung und soziale Dienste, die  partnerschaftlich mit ihnen zusammen arbeiten. Familienpolitik betrifft alle Ressorts - Arbeitsmarkt wie Gesundheitssystem, Bildung wie Altenhilfe und ist damit vom frauenpolitischen Sonderthema zu einer zentralen Querschnittsaufgabe geworden.

Familien können ihre Leistungen in Erziehung und Bildung, Pflege und Reproduktion nur erbringen, wenn die unbezahlte und unter bestimmten Aspekten auch unbezahlbare private Sorgearbeit gesellschaftlich honoriert wird. Die Funktionsfähigkeit unseres Sozialstaats beruht nämlich nicht nur auf den Leistungen der Sozialversicherung, die aus Erwerbsarbeit finanziert werden, sondern weit mehr auf der alltägliche Haus- und Erziehungsarbeit, die als Arbeit der Mütter lange unsichtbar blieb und in der ökonomisierten Gesellschaft zunehmend abgewertet wurde. Zunächst auf dem Hintergrund einer traditionellen Familienverfassung mit geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung, dann durch die Dynamik einer berufsorientierten Emanzipationsbewegung, die die Zwänge der bürgerlichen Familie thematisierte und auflöste. Am Ende dieser Entwicklung steht die Frage nach einer Aufwertung der familiären und professionellen Care-Arbeit, die nach wie vor von Frauen geleistet wird. Die notwendige Professionalisierung dieser Aufgaben setzt eine Bezahlung von Erziehungs- und Pflegearbeit voraus, die die Berufe auch für Männer attraktiv macht .Eine vollständige Delegation der Carearbeit an Dienstleister   ist allerdings kaum denkbar. Weil die notwendigen Fachkräfte fehlen, weil die Finanzierung einer solchen Infrastruktur eine erhebliche gesellschaftliche Umverteilung zur Folge hätte, vor allem aber, weil es bei den Care-Aufgaben um mehr als um bezahlbare Dienstleistungen geht.

Sorgende und fürsorgliche Tätigkeiten in der Familie sind Arbeit; sie unterscheiden sich aber ihren Anforderungen und ihrer Qualität grundlegend von Lohnarbeit. Ihr Ziel ist nicht die Herstellung eines Produkts, sondern das für andere Da - sein und Zeit haben, das Sich - Kümmern um das Wohlergehen eines/r anderen, um die Reproduktion des Lebens. Im Unterschied zu Erwerbsarbeit geht es dabei nicht um die Einsparung von Zeit und Effizienzsteigerung. Es geht nicht nur um ein gutes Zeitmanagement mit Quality-Time für die Kinder. Es geht um die Grundbedingungen ‚guten Lebens’, die unentbehrlich sind für die Solidarität innerhalb der Familien, für das gedeihliche Aufwachsen von Kindern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Nicht nur Gleichberechtigung und Individualisierung, sondern auch weltweite Transformationsprozesse in Wirtschaft und Arbeitsmarkt mit der Deregulierung und Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, wachsender Mobilität und zunehmender Prekarisierung von Erwerbsarbeit haben die bisherigen Familien - und Versorgungsarrangements verändert. Das in Westdeutschland lange Zeit „normale“ männliche Versorger - und Ernährermodell ist brüchig geworden. Immer mehr Mütter sind die Hauptverdiener in den Familien. Und in einem Drittel der Familienhaushalte erwirtschaften Mütter und Väter schon zu gleichen Anteilen das Familieneinkommen. Trotzdem stellen viele Frauen ihre beruflichen Ambitionen zurück, sobald Kinder geboren werden. Auch Paare mit anfangs partnerschaftlicher Rollenteilung geben diese spätestens mit der Geburt des zweiten Kindes zugunsten traditioneller Formen auf. Frauen übernehmen den Hauptteil der Familien- und Hausarbeit.  Ausschlaggebend  sind neben den fehlenden Betreuungseinrichtungen nicht zuletzt die nach wie vor unterschiedlichen Einkommen von Männern und Frauen. Diese Praxis steht in Spannung zum Leitbild einer gleichberechtigten und partnerschaftlichen Familie, aber auch zu den langfristigen Karriereplanungen von Frauen. Kein Wunder, dass es dann oft beim ersten Kind bleibt.

Ökonomisch gesehen, sind Kinder keine gute Investition - nicht einmal, was das Glück angeht. Befragungen zeigen, dass Männer und Frauen, die für Kinder sorgen, keinesfalls glücklicher sind als ihre kinderlosen Altersgenossen: sie erleben Stress und Belastungen, Sorge um Einkommen und Zukunft. Der Philosoph Wilhelm Schmidt hat deswegen kürzlich in einem Interview mit der Zeitschrift „ Psychologie heute“ unseren Glücksbegriff in Frage gestellt. Unsere Vorstellung vom Glück sei inzwischen durch die Ideen von Erfolg und Leidfreiheit geprägt, meint er. Stattdessen gehe es aber um das Glück der Fülle, das Kinder erleben, das wir mit Kindern erleben -  im Lachen wie im Weinen, in intensiven Begegnungen und Entdeckungen. Das Glück der Fülle, das uns bewusst macht: Leben lohnt!

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Angesichts der Reproduktionskrise, des demographischen Wandels und des tiefgreifenden Strukturwandels am Arbeitsmarkt stehen wir vor der Herausforderung, Erwerbsarbeit und die Fürsorge  im Erwerbsverlauf und im Familienzyklus gerecht zu verteilen. Ansonsten droht die Versorgungslücke, das Care-.Defizit, von der der Siebte Familienbericht bereits spricht. Haus- und Familienarbeit brauchen eine neue gesellschaftliche Wertschätzung- und zwar jenseits der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung und ohne ein für alle Mal festgelegte Rollen. Die Zeit, die Väter und Mütter, Töchter, Söhne und Partner mit Erziehungs- und Pflegeaufgaben verbringen, muss mit beruflichem Einsatz vereinbar sein und sich auch in Steuer und Sozialversicherungsrecht niederschlagen- so wie es im überkommenen Arrangement mit dem Ehegattensplitting und Mitversicherungsleistungen der Fall war. Gesine Schwan hat diese Idee im Modell einer partnerschaftlichen Familie als öffentliches Gut entwickelt.

 

Zeit für und mit Familie

Familie ist Sehnsuchtsort- Familie wird aber auch geplant und muss geplant werden. Dabei gerät die Zeit für Familiengründung im Lebenslauf genauso unter Druck wie die, Gestaltung von „Familienzeit“ im Alltag. Arbeitszeit und Familienzeit haben unterschiedliche Rhythmen und widersprüchliche Anforderungen. Partner und Familienmitglieder sind in unterschiedliche Zeitstrukturen, wie Arbeitszeiten, Schul-, Behörden- und Verkehrszeiten, eingebunden. Diese unterschiedlichen Zeittakte können  konfliktträchtig aufeinander prallen. Je vielfältiger Familien sind, je vielfältiger auch die Ansprüche, desto mehr muss Familienleben ausgehandelt und gestaltet, ja „hergestellt“ werden. Zugleich aber lebt Familie von Kontinuität, von gemeinsamen Rhythmen und Ritualen. Sie stiften Nähe, ermöglichen gegenseitige Wahrnehmung und Unterstützung. Routinen wie das Sonntagsfrühstück und Rituale wie das Zubettbringen spielen eine besondere Rolle- sie haben eine Bedeutung für Zusammenhalt, Kultur und Identität bis hin zur religiösen Erziehung. Als fester freier Tag in der Woche eröffnet der Sonntag ein Zeitfenster für ungeplante Zeit, für spontane Begegnungen, für andere Menschen, für sich selbst und im Besonderen für Gott. Noch ist dieser Tag in unseren Kalendern rot angestrichen, aus dem Alltag „ausgegrenzt“ und respektiert, eine „andere Zeit“ so wie die großen Feste des Kirchenjahrs. Wir sollten alles tun, damit nicht auch dieser Tag mehr und mehr unter Flexibilisierungs - und Ökonomisierungsdruck gerät - und mit ihm eine Insel in der Zeit für Familien.

Die Zeit für Familie scheint knapp geworden; zugleich haben wir als Individuen aber Zeit gewonnen. Statistisch gesehen zehn gesunde Jahre. Die nachberufliche Phase dauert nicht selten 20 bis 30 Jahre. In dieser Lebensphase spielen Großelternschaft und übrigens auch das Engagement für andere Kinder in Nachbarschaft und Gemeinwesen eine wesentliche Rolle. Generationenbeziehungen, insbesondere zu den eigenen Kindern und Enkeln, stellen eine wichtige Ressource für Autonomie und Lebensqualität dar; fast 80 Prozent beschreiben ihre Beziehung zu den Enkelkindern als eng; genauso wie die Eltern-Kind - Beziehungen sind auch die Großelternbeziehungen heute freundschaftlich und solidarisch, durch wechselseitiges Lernen gekennzeichnet.

Auch in der so genannten. „multilokalen Mehrgenerationenfamilie“ fühlen sich auch erwachsene Kinder und Eltern emotional eng verbunden; sie stehen miteinander in Kontakt und unterstützen sich gegenseitig. Ohne die Solidarität zwischen den Generationen käme manche junge Familie in finanziellen Notsituationen, aber auch bei plötzlichen Kinderbetreuungsengpässen in große Schwierigkeiten. Umgekehrt erhalten Ältere, vor allem wenn sie hilfsbedürftig werden, vielfältige praktische Hilfen zur Bewältigung des Alltags – von Einkauf, Behördengängen, Arztbesuchen und Instandhaltung der Wohnung bis hin zur Pflege. Allerdings zeigen die Ergebnisse des dritten Freiwilligensurveys der Bundesregierung, dass diese kleinen sozialen Netze löchriger werden: waren es im Jahr 1999 Jahren noch 74 Prozent der Befragten, die angaben, sie könnten sich in Notsituationen auf Familie und Freunde verlassen, so waren es 2009 nur noch 64 Prozent. Die Solidarität in der Familie braucht also Ergänzung durch die größere gesellschaftliche Solidarität.

 Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen brauchen aber wie Familien mit kleinen Kindern besondere Unterstützung für ihre belastende Situation. Dazu gehören besser finanzierte und mit mehr Zeitkontingenten ausgestattete mobile Pflegedienste, ebenso wie Kurzzeit- und Tagespflegeangebote, kurze Wege zum Arbeitsplatz und zu Einkaufsmöglichkeiten und eine unterstützende Beratung und eine Gestaltung von Wohnungen und Quartieren, die Kindern wie Älteren angemessen ist. Immer noch sind etwa 70 Prozent der pflegenden Angehörigen weiblich. Angesichts der schon in den nächsten 10 Jahren zu erwartenden Zahl der Pflegebedürftigen – Schätzungen gehen von ca. zwei Millionen häuslich zu Pflegenden aus - werden sich noch  Männer stärker als bisher an der häuslichen Angehörigenpflege beteiligen müssen. Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss also auch im Blick auf Pflege für Männer wie Frauen durchbuchstabiert werden. Aber nicht nur für Eltern mit kleinen Kindern, nicht  nur für pflegende Angehörige sondern auch für Ältere wird es in Zukunft wichtig sein, die Arbeitszeit an die jeweilige Lebensphase anzupassen. Wir müssen die so genannte Rush-Hour des Lebens entlasten und für eine neue Verteilung von Aus.- und Weiterbildungsphasen, Erziehungs- und Pflegezeiten und Karriereschritten in der länger gewordenen Erwerbsbiographie sorgen. Dabei darf nicht vergessen werden: die Investition in  Bildung und Carearbeit bietet letztlich die Voraussetzung dafür, dass Erwerbsarbeit überhaupt stattfinden kann.

 

Freiheit und Angewiesenheit ausbalancieren

Nach evangelischem Verständnis gehören Autonomie und Angewiesenheit, Freiheit und Bindung zusammen und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Leitlinie einer evangelisch ausgerichteten Förderung von Familien, Ehen und Lebenspartnerschaften muss die konsequente Stärkung von fürsorglichen Beziehungen sein. Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung füreinander übernehmen, sollten sie Unterstützung in Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen finden und zwar mit praktischen Hilfen, mit gottesdienstlichen, pädagogischen und diakonischen Angeboten. Dabei sollte die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, nicht entscheidend sein. Alle familiären Beziehungen, in denen sich Menschen in Freiheit aneinander binden, füreinander Verantwortung übernehmen und eine verlässliche Partnerschaft eingehen, müssen auf die Unterstützung der evangelischen Kirche bauen können.

Aber auch die Erwartungen an Gleichheit und Gerechtigkeit müssen vor dem Hintergrund der befreienden Botschaft des Evangeliums ernst genommen werden. Frauen wie Männer haben ein Recht auf einen eigenen Lebensentwurf, in dem sich Beruf und Familie verbinden lassen. Zugleich aber ist deutlich, dass ein Familienmodell mit zwei Verdienern selbst bei guten Betreuungsangeboten zu erheblichem Zeitdruck und Belastungen führt. Deshalb sind die neuen Modelle partnerschaftlicher Familien zu unterstützen, die Erwerb und Familie verbinden, um beiden Partnern neben der beruflichen Entfaltung Zeit für Kinder und die Sorge für andere zu ermöglichen. Dazu braucht es neue Formen gesellschaftlicher, rechtlicher und sozialpolitischer Unterstützung und Honorierung  privat geleisteter Erziehungs - und Sorgearbeit. Familien bleiben die wichtigsten Orte für das umsorgte und gedeihliche Heranwachsen der Kinder und für die Einübung gesellschaftlicher Solidarität.

·        Tageseinrichtungen und Schulen, aber auch Pflegedienste und  Kirchengemeinden müssen sich deshalb neu als Partner für Familien verstehen. Eine zentrale Aufgabe ist der Ausbau von Tageseinrichtungen und  Familienzentren, die Zusammenarbeit mit Familienbildungsstätten, Ehe -, Lebens - und Familienberatungsstellen. Kirchengemeinden und Diakonische Einrichtungen müssen sich dabei noch stärker vernetzen - Patenprogramme, Leihoma - Dienste, Welcome - Agenturen können noch mehr als bisher mit Tageseinrichtungen und Familienzentren zusammen arbeiten. Rund um Taufe und Konfirmandenarbeit sind Familien mit vielfältigen Angeboten anzusprechen und zu erreichen. Auch seelsorgliche Unterstützung kann dazu beitragen, dass das Miteinander in Partnerschaft und Familie gelingt - sie sollte aber auch da sein, wenn das Misslingen einer Beziehung bewältigt werden muss oder wenn Paare in einer mobilen Gesellschaft ihren Zusammenhalt gestalten.

·        Aber auch als Arbeitgeberin ist Kirche gefragt, wenn es darum geht, Familie zu unterstützen: Das betrifft die Tarifgestaltung genauso wie die Arbeitszeitpolitik, es betrifft aber auch die Erwartung an Pfarrerinnen und Pfarrer. Die wachsende Vielfalt von Familienformen im Pfarrhaus hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu Konflikten geführt - von der Berufstätigkeit der Pfarrfrauen bis zum Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Partner. Zugleich wächst angesichts der Vielfalt der Arbeitsfelder, von Teilzeitbeschäftigungen und Pendelbeziehungen im Pfarrhaus das Ringen um eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die einander eben nicht mehr wie in Luthers Pfarrhaus selbstverständlich ergänzen.

·        Aus all dem resultieren neue Anforderungen für alle, die Verantwortung in der Gemeinde übernehmen, die planen und gestalten. Sie sollten die Gegebenheiten und Veränderungen nicht nur sensibel wahrnehmen, sondern sie bei der Entwicklung von Angeboten gezielt berücksichtigen. Die Kommission schlägt ein Siegel „familienkompetente Gemeinde“ vor, das EKD-weit Gemeinden motivieren könnte, die Ressourcen in der eigenen Gemeinde in ihrer Breite und Vielfältigkeit zu erfassen  neue Anknüpfungspunkte jenseits der traditionellen Angebote zu schaffen und Gemeinde als familiaritas zu gestalten.

Beginnend mit dem Schöpfungssegen, über das Zeichen des Regenbogens und die Verheißung von Zukunft nach der großen Flut, bis zum Sinaibund und den Segenshandlungen Jesu lassen sich die biblischen Texte als Zuspruch lesen, sich immer neu auf das Leben einzulassen, das Leben zu wagen, Verantwortung zu übernehmen und  anderen  zu verlässlichen Bündnispartnern und zum Segen zu werden. Familien sind auf diesen Segen angewiesen - und wir können als Kirche dazu beitragen, dass er erfahrbar wird.

Cornelia Coenen-Marx; Kiel , 13.9.12