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Welche Kirche braucht die Familie?

Michael Domsgen

Welche Kirche braucht die Familie?

Ansprüche und Bedürfnisse von Familien gegenüber Kirche[1]

Welche Kirche braucht die Familie? Diese Frage klingt einfach und hat es doch in sich. Denn die Familie gibt es genauso wenig wie die Kirche. Ich konzentriere mich im Folgenden auf die Familienperspektive und werde das in mehreren Schritten tun. Zuerst sollen Grundlagen gelegt werden mit Blick auf die Familie als Sozialsystem und dann mit Blick auf die Familie als Lernort des Glaubens. Danach soll allgemein gefragt werden, was Familien brauchen, um darauf aufbauend zu überlegen, was Familien von der Kirche brauchen könnten. Zum Abschluss soll bedacht werden, wie sich eine familienfreundliche Kirche profilieren sollte.

1. Grundlagen

1.1 Die Familie als Sozialsystem

Die Familie gibt es nicht. Es gibt nur Familien. Diese unterscheiden sich in ihrer Struktur. So lassen sich eine Mehrzahl von Familientypen und –formen aufzeigen. Folgt man der Familiensoziologin Rosemarie Nave-Herz und berücksichtigt die unterschiedlichen Rollenzusammensetzungen (Elternfamilien mit bzw. ohne formale Eheschließung sowie Mutter- bzw. Vater-Familien) und Familienbildungsprozesse (durch Geburt, Adoption, Scheidung/Trennung, Verwitwung, Wiederheirat, Pflegschaft), lassen sich derzeit in Deutschland 16 verschiedene, rechtlich mögliche Familientypen benennen.[2] Mit jedem dieser Familienformen sind unterschiedliche Herausforderungen verbunden, die nicht ohne weiteres egalisiert werden können.

Außerdem ist zu bedenken, dass Familien einer Entwicklung unterliegen, weil sich die Rollen der Familienmitglieder im Laufe des Lebenszyklus verändern. Der Volksmund sagt: „An den Kindern sieht man, wie die Zeit vergeht“. Das Alter der Kinder ist denn auch ein wichtiges Kriterium für die Unterscheidung verschiedener Stadien (bzw. Familienzyklen), wobei jedes Stadium eigene Aufgaben in sich birgt. In diesen Umbrüchen stellen sich für die einzelnen Familienmitglieder neue Herausforderungen, die sie zu bewältigen haben. Jede Phase hat also ihre eigene Prägung. Wenn wir vorschnell von der Familie sprechen, besteht die Gefahr, dass die unterschiedlichen Anforderungen und Prägungen der jeweiligen Familienphase verschleiert werden.

Beide genannten Punkte, die Struktur wie auch die Entwicklung innerhalb einer Familie, sind in ihrem Zusammenhang zu sehen. So gibt es nicht nur Entwicklungen innerhalb einer sich hindurchziehenden Familienstruktur. Vielmehr führen veränderte Strukturen (Scheidung, Tod des Partners) auch zu veränderten Familienentwicklungsaufgaben. „Wie auch immer die konkreten Familienformen und zugehörigen Entwicklungsaufgaben aussehen: Dadurch, daß sich Familien ihnen stellen, sie durch gemeinsames Handeln zu bewältigen versuchen, und zugleich ein Handlungsvollzug bestehende Kompetenzen konsolidieren bzw. sich neu aneignen, entsteht eine besondere Beziehungsqualität zwischen den Mitgliedern des Personensystems ‚Familie’.“[3]

Diese besondere Verbundenheit der Familienmitglieder basiert auf einem immer neu auszuhandelnden Gleichgewicht zwischen individueller Autonomie der Familienmitglieder sowie ihrer Verbindung miteinander. Denn nicht nur die Familie als Ganze unterliegt einer Entwicklung, auch die einzelnen Familienmitglieder durchlaufen eine individuelle Entwicklung. Wer von der Familie spricht, hat also einerseits die Familie als Ganze in den Blick zu nehmen, in ihrer Verbundenheit miteinander. Andererseits sind aber auch die Einzelnen zu bedenken, die individuelle Entwicklungsaufgaben im Kontext des Beziehungssystems Familie zu bewältigen haben.

Die sich im Lebensgang einer Person entfaltenden Handlungsspielräume und Kompetenzmuster lassen sich unter dem Begriff der Autonomie zusammenfassen. Familie operiert also immer „im Kontext von Verbundenheit und zugestandener Autonomie“[4]. Die Entwicklungspsychologie spricht hier von „Metaentwicklungsaufgaben, welche die im Familienlebenszyklus alterns- und situationsspezifisch auftretenden Familienentwicklungsaufgaben überlagern“[5]. Dabei ergänzen sich familiär-gemeinschaftliches und individuelles Handeln nicht immer problemlos. – Eine Phase, in der besonders deutlich zu Trage tritt, ist die Adoleszenzzeit der Kinder. Aber vom Grundsatz her gilt das auch für die anderen Lebensaltersphasen der Kinder. – Die Folge ist, dass die sich im bisherigen Beziehungsprozess eingepegelte Balance von Verbundenheit und zugestandener Autonomie auf eine harte Probe gestellt wird und ein neues Austarieren dieser Variablen erforderlich ist. Man kann den dafür notwendigen Prozess (mit Wynne) als Gegenseitigkeit bezeichnen.[6]

Wer also Familie in den Blick nimmt, hat das Wechselspiel von Gemeinschaftlichkeit und Individualität immer mit zu bedenken. Die Familie als Ganze ist wichtig, aber eben auch der Einzelne, der sich in dieser Gemeinschaft entfalten soll. Insofern impliziert Familie eine doppelte Blickrichtung: auf das Ganze, das gestärkt werden soll, aber auch auf den Einzelnen, der – manchmal mit, aber auch manchmal ohne dieses Ganze – gestärkt werden soll. Das lässt sich als erstes Ergebnis unseres Nachdenkens festhalten.

Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren wichtigen Punkt: Familie ist ein höchst dynamisches Gebilde. Das gilt mit Blick auf den familialen Binnenraum, wie es eben geschehen ist. Das gilt aber auch im Blick auf die Familie als Ganzes und ihre Einbettung in den sozialen Kontext. Familie ist nicht das Flaggschiff, das unbeirrt seine Bahnen durch die Zeiten zieht. Sie ist kein Gegenpol der Gesellschaft, in dem beispielsweise christlicher Glaube überdauern könnte, auch wenn sich die Gesellschaft tiefgreifend gewandelt hat. Vielmehr agiert sie relativ autonom, d.h. sie wird von ihrer Umgebung geprägt, setzt aber nicht alles eins zu eins um, sondern verarbeitet die Impulse aus dem sie umgebenden Kontext familienspezifisch. Deshalb ist von vornherein das familiale Umfeld mit zu bedenken. Wer mit Familien arbeiten möchte, hat also auch den Kontext, in dem Familien leben, zu berücksichtigen.

Unter diesem Vorzeichen ist von besonderem Interesse, was die vom Bundesfamilienministerium und vom Statistischen Bundesamt herausgegebene Zeitbudgetstudie zu Beginn unseres Jahrtausends erhoben hat. 56 % aller Alleinerziehenden- und 46% aller Paarhaushalte mit minderjährigen Kindern brauchen für die Gestaltung ihres Alltags Hilfe.[7] Dabei spielt die Kinderbetreuung eine große Rolle und generell die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber nicht nur. Der Familienatlas 2005 nennt als weitere wichtige Indikatoren für Familienfreundlichkeit: die demografische Entwicklung (Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung, Fertilitätsrate, Binnenwanderungssaldo) und die Faktoren Bildung und Arbeitsmarkt sowie Sicherheit und Wohlstand.[8] Die grundlegende Frage für Familien lautet also: Finden wir ein Umfeld vor, das familienfreundlich ist und uns Unterstützung bietet oder leben wir in einem Umfeld, das strukturell gegen uns arbeitet?

Aus dem Gesagten lässt sich als erstes Zwischenresümee festhalten: Wer Familien unterstützen möchte, sollte das Wechselspiel von Gemeinschaftlichkeit und Individualität innerhalb der Familie im Blick haben sowie den Kontext, in dem Familie agiert.

Diese Punkte gelten für Familienförderung insgesamt. Im nächsten Schritt soll die Themenstellung religionspädagogisch fokussiert werden, indem die Familie als Lernort des Glaubens in den Blick genommen wird.

1.2 Die Familie als Lernort des Glaubens

Die Familie gibt es nicht. Das gilt auch für die Familie als Lernort des Glaubens. Religiöse Erziehung ist kein Sonderbereich, sondern eingebettet in die allgemeine Erziehung. Denn Religion ist eine Dimension, die das Leben insgesamt durchzieht. Religiöse Erziehung – und insbesondere diejenige im christlichen Glauben – beschränkt sich nicht nur auf die Weitergabe von Glaubensinhalten, sondern will eine vom Glauben geprägte Grundhaltung zum Leben insgesamt erreichen. Diese basiert maßgeblich auf der menschlichen Grunderfahrung, unbedingt erwünscht und angenommen zu sein. Religiöse Erziehung vermittelt also eine bestimmte Einstellung zur Welt und zum Leben insgesamt. Die Grenzen zwischen religiöser Erziehung und allgemeiner Persönlichkeitsentwicklung sind fließend.

Der christliche Glaube ist eine identitätsstiftende Praxis. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung von religiösen Praktiken und Vorstellungen, sondern um die Entwicklung einer Persönlichkeit, die sich bejaht weiß und sich deshalb frei entfalten kann. Das geschieht nicht einseitig, sondern im wechselseitigen Prozess zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen.

Nimmt man diese Grundbestimmung ernst, wird deutlich, dass zwischen einer impliziten und einer expliziten religiösen Erziehung zu unterscheiden ist. Vor allem in den ersten Lebensjahren – aber nicht nur! – geht es wesentlich darum, den Kindern Erfahrungen zu ermöglichen, die auf den ersten Blick gar nicht nach religiösen Erfahrungen aussehen, die aber dennoch dafür sorgen, dass die Wörter und Bilder unserer Kinder reich an Vorstellungen, Erinnerungen und Hoffnungen werden, die sie für die Verkündigung unseres Glaubens erst ansprechbar machen. Auf diese Weise kann ein Erfahrungsfundus gebildet werden, der dazu verhilft, explizit religiöse Aussagen zu deuten und emotional positiv nachzuempfinden.

Darüber hinaus sind Kinder jedoch darauf angewiesen, dass ihnen die religiöse Dimension explizit eröffnet wird. Sie benötigen Deutungsmuster und Praktiken, die Transzendenz benennbar und erfahrbar macht. Dabei können Eltern unterschiedliche Absichten verfolgen.[9]

Als einweisende religiöse Erziehung fördert sie eine ganz bestimmte Grundorientierung. Sie wird meist von Eltern gewählt, die von der Richtigkeit ihrer Glaubensposition überzeugt sind und deshalb auch ihre Kinder in diesem Glauben erziehen wollen.

Anders ist es bei der hinweisenden religiösen Erziehung. Hier wird zwar die Notwendigkeit einer Grundorientierung gesehen, aber unter Anbetracht der Relativität der eigenen Sicht, ermöglicht man lediglich die Begegnung mit unterschiedlichen Sinn- und Wertannahmen, ohne die Wahrheitsfrage zu beantworten.

Religiosität entsteht nicht unvermittelt. Sie ist – pädagogisch gesprochen – auf Fremdsozialisation angewiesen. Gott gelangt für das Kind nur im Zusammenhang mit einer bestimmten kommunikativen Praxis zur Sprache. Wesentlich dafür sind die prägenden Personen. Die Inhalte haben einen nachgeordneten Stellenwert. Sozialisationstheoretisch gesehen, kann explizite religiöse Erziehung nur im Kontext gelungener impliziter religiöser Erziehung agieren. Sie basiert auf der impliziten religiösen Erziehung und ist in sie eingebettet. Beides ist also begrifflich zu unterscheiden, darf jedoch nicht voneinander getrennt werden.

Die Differenzierung zwischen impliziter und expliziter religiöser Erziehung verhilft dazu, die Möglichkeiten und Grenzen familialer religiöser Erziehung heute zu benennen, ohne gleich in das Lamento vom Ausfall religiöser Erziehung einstimmen zu müssen.

Die vorangegangenen Überlegungen haben deutlich gemacht, dass die Familie in einzigartiger Weise eine spürbare und erfahrbare Annahme der eigenen Person mit der Explizierung der religiösen Dimension im Reden und Tun verbinden kann. Das ist die große Chance innerhalb der Familie. Aber wird diese Chance auch genutzt? Wie steht es um die religiöse Erziehung in unseren Familien?

Implizite religiöse Erziehung im Sinne einer dem Kind zugewandten Erziehung findet sich in heutigen Familien wesentlich stärker als früher. Der größtenteils anzutreffende kindorientierte Erziehungsstil ist dafür durchaus förderlich. Noch nie waren deshalb für die Mehrheit die Voraussetzungen so günstig, dass sich das Kind als angenommen und erwünscht erleben kann. Noch nie in der Geschichte Deutschlands hat es so viele Eltern gegeben, die sich für ihre Kinder einsetzen und sich in hohem Maße mit Erziehung auseinandersetzen.

Allerdings gibt es auch Hemmnisse, die diese Entwicklung erschweren. So ist damit zu rechnen, dass ca. ein Drittel der Familien dem kindorientierten Erziehungsziel nicht folgt. Zu der Gruppe gehören mehr geschiedene und alleinerziehende Elternteile sowie Mehrelternfamilien, also Mütter und Väter mit neuen Partnern und ggf. deren Kinder. Außerdem zeichnen sie sich durch einen geringeren Sozialstatus aus. Ein weiteres Drittel der Eltern dürfte mit Erziehungsproblemen im Großen und Ganzen recht gut zurechtkommen, hat aber bei einzelnen sich zuspitzenden Konflikten Bedarf an Unterstützung.

Gleichzeitig schränken strukturelle Hindernisse als permanente Bedrohung die Herausbildung von grundlegendem Vertrauen in das Leben ein. Zu erinnern ist hier an den Straßenverkehr oder auch an ökonomische Schwierigkeiten. Ebenfalls hinderlich ist die – besonders in Ostdeutschland – anzutreffende Tendenz, Kinder von vornherein auf Anpassung hin festzulegen.

All das sind Hindernisse, die einer impliziten religiösen Erziehung entgegenstehen oder sie zumindest beeinträchtigen können. Die größten Schwierigkeiten ergeben sich jedoch bei der expliziten religiösen Erziehung. Sie findet in Westdeutschland bei der Mehrheit der Familien als hinweisende Erziehung statt und fällt praktisch bei dem Großteil der ostdeutschen Familien ganz aus. Gleichzeitig mangelt es an religiöser Ausdrucksfähigkeit in denjenigen Familien, die noch ein Verhältnis zu Religion haben.

Dabei stellt die mangelnde außerfamiliale Stützung in Sachen Religion ein gravierendes Hindernis dar. Positive Impulse und Anregungen werden kaum noch von außen gegeben. Die Familien sind in dieser Hinsicht weitgehend auf sich selbst verwiesen. Explizite religiöse Erziehung ist jedoch in starkem Maße von dem Umfeld abhängig, in dem sie geschieht. Die Prägung des gesellschaftlichen Raumes ist von herausragender Bedeutung. Wird es durch ein weitgehend areligiöses Klima bestimmt, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer explizit religiösen Erziehung.

Als Zwischenresümee lässt sich festhalten: Wer die Familie als Lernort des Glaubens stärken will, kommt an der Stärkung der allgemeinen Erziehungskompetenz nicht vorbei. Zudem kann es einem nicht gleichgültig sein, in welchem Kontext Familien agieren. Bei alledem kommt es darauf an, die Explizierung von Religion als Unterstützung deutlich werden zu lassen. Die zentrale Frage lautet deshalb: Was braucht die Familie?

2. Was braucht die Familie?

„Die Familie braucht Hilfe, aber es ist schwer, ihr zu helfen.“[10] Diese prägnante Aussage von Franz-Xaver Kaufmann gilt auch für den Bereich der religiösen Erziehung. Allerdings kann in das Familiensystem nicht direkt eingegriffen werden, weil die Familie relativ autonom agiert. Grundsätzlich wird es also darum gehen müssen, Angebote für Familien so zu profilieren, dass die Wahrscheinlichkeit von deren Inanspruchnahme hoch ist. Eine Garantie allerdings, dass diese Angebote dann auch wirklich genutzt werden, gibt es jedoch nicht.

Die Kölner Erziehungswissenschaftlerin Sigrid Tschöpe-Scheffler hat in Interviews mit Müttern und Vätern erfragt, wie sich Eltern die Unterstützung in ihrem Erziehungsalltag vorstellen. Vier Bereiche stehen dabei auf der Wunschliste von Vätern und Müttern:

  1. Eltern wünschen sich ganz konkrete Hilfen, um sich bei Konflikten mit ihren Kindern im Erziehungsalltag sicherer zu fühlen.
  2. Eltern suchen Informationen über körperliche, psychische und soziale Entwicklung der Kinder, damit sie besser verstehen, was sie brauchen.
  3. Eltern möchten mehr über sich selbst erfahren, über die Ursachen von Konflikten und Problemen im Umgang mit ihren Kindern.
  4. Eltern wünschen sich den Austausch mit anderen Eltern und Erweiterung des sozialen Netzwerks, um Entlastung und praktische Unterstützung zu erhalten.[11]

Die hier benannten Punkte korrespondieren mit den eingangs erhobenen Kriterien, die sich aus der Reflexion zur Familie als Sozialsystem ergeben haben. Grundsätzlich gilt: Familien brauchen Unterstützung bei der Gestaltung von Gemeinschaftlichkeit (Hilfen beim Meistern von Konflikten, Informationen zur Entwicklung der Kinder). Gleichzeitig ist die Individualität der Familienmitglieder zu beachten (Eltern wollen mehr über sich selbst erfahren). Zudem brauchen Familien ein Umfeld, das sie stützt.

Wie die systemtheoretische Familienforschung belegt, gestaltet die Familie als soziales System das Zusammenleben ihrer Mitglieder zwar relativ autonom, ist dabei aber eingebettet in das übergreifende soziale System der Gesellschaft und von den dort erbrachten Leistungen abhängig. Jede Familie hat ihre eigenen Mechanismen, mit denen sie außerfamiliale Einflüsse aufnimmt, zurückweist oder schlicht ignoriert. Das gilt auch in Sachen Religion.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Eltern und Kinder in der Familie für die religiöse Dimension öffnen, steigt aber deutlich an, wenn sie als familienstützend erlebt wird. In der Unterstützungsfunktion liegt deshalb ein grundlegender Faktor auch für die kirchliche Eltern- und Familienarbeit. Zusätzliche Anforderungen an Familien von Seiten der Kirche haben keinen Sinn. Kirchliche Arbeit mit Familien wird vielmehr dann Erfolg haben, wenn sie den christlichen Glauben als hilfreiche Praxis für die Gestaltung des Alltags erfahrbar werden lässt.

Die innerfamilialen Einstellungsmuster sind in ganz starkem Maße außerfamilial bestimmt. Das trifft auch für die Familie als religiöse Sozialisationsinstanz zu. Religiöse Erziehung braucht ein Klima des Wohlwollens. Dazu kann die Kirche Einiges beitragen. Zum einen kann sie heutigen Kleinfamilien einen größeren sozialen Zusammenhang bieten, der es ermöglicht, die Relevanz des Glaubens über alle Lebensphasen hinweg zu veranschaulichen. Dadurch wird die einzelne Familie in einen größeren Kontext gestellt, der die Konzentration auf die eigenen Vollzüge durchbricht. Gleichzeitig werden in der Kirche die grundlegenden Fragen nach dem Sinn des Lebens thematisiert. Vielen Eltern fehlt dafür die Sprachfähigkeit, obwohl sie vom Grundsatz her darum wissen und eine Auseinandersetzung damit durchaus für wichtig und sinnvoll erachten.

Familie braucht Impulse, die die binnenfamilialen Sprach- und Einstellungsmuster erweitern, verstärken oder auch korrigieren. Diese Impulse können jedoch nur unter dem Vorzeichen einer grundsätzlichen Wertschätzung wirksam werden. Wenn die kirchengemeindlichen Angebote nur als zusätzliche Forderung erlebt werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie abgelehnt werden und nicht zur Geltung kommen können. Familie braucht die außerfamiliale Stützung.

Interessant sind an dieser Stelle Überlegungen von Andreas Lange, der die Frage untersucht, wofür Familien und Kinder Zeit brauchen. Er betont, dass Kinder und Eltern „individualitäts- und identitätsstiftende Zeitareale“[12] brauchen, wobei hier den Wochenenden eine besondere Bedeutung zukomme. Dieses bewusste Einräumen von Familienzeit und Kinderzeit ist „keine abgehobene Luxusbeschäftigung“[13]. Kinder brauchen Leitbilder des Arbeitens und Lebens, die nicht nur kognitiv vermittelt, sondern vorgelebt werden. Kinder nehmen ihr Umfeld sehr subtil wahr. Die Kirchen stehen vor der Herausforderung, solche Zeitareale für Familien anzubieten, in denen die Botschaft des Evangeliums als lebensprägend erlebt werden kann.

Kirche sollte versuchen, sich als gutes, d.h. unterstützendes Umfeld von Familie zu profilieren. Elternschaft ist heute deutlich anspruchsvoller geworden als noch vor wenigen Jahrzehnten, da sich die Partner- sowie die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig gewandelt haben. Grundlegende Stichworte sind hier die neuartigen Rollenerwartungen an Mütter und Väter („neue Mütter und Väter“), die veränderte Einstellung gegenüber Kindern („Emanzipation des Kindes“) sowie die Etablierung neuer Leitbilder („verantwortete Elternschaft“, „gelingende Erziehung“). Hinzu kommen gesamtgesellschaftliche Schwierigkeiten. Franz Xaver Kaufmann hat für die moderne Gesellschaft den Begriff der „strukturellen Rücksichtslosigkeit“[14] gegenüber der Familie geprägt. Die Anforderungen, die sich aus der Logik des Arbeitsmarktes ergeben, sind auf den Einzelnen bezogen und nicht auf die Familie. Die institutionellen Vorgaben erleichtern nicht gerade die Paar- und Familienbildung. Das hat Auswirkungen bis in den finanziellen Bereich hinein.

Im Zuge des Ausdifferenzierungsprozesses der letzten 200 Jahre hat Familie viele Funktionen, die ihr früher oblagen, an außerfamiliale Institutionen abgegeben (z.B. die Produktion von Nahrungsmitteln, die Berufsausbildung und z.T. auch die Pflege der Alten und Gebrechlichen). Familie kann und muss sich in einem in der Geschichte bisher undenkbarem Maße um die Pflege des persönlich-intimen Zusammenlebens kümmern. Dies ist Segen und Fluch zugleich. Denn neben der damit zweifelsohne verbundenen Entlastung führt dies jedoch auch zu einer vermehrten Krisenanfälligkeit, weil sich nun alles auf die Gestaltung des emotionalen Binnenraums konzentriert. Familie braucht deshalb einerseits Hilfen zur Bewältigung dieser Aufgabe und andererseits auch Angebote, die diese Emotionalisierung versachlichen, indem der Blick auf größere Zusammenhänge gelenkt wird. Dadurch könnte das gerade in den vielen christlichen Gemeinden vorherrschende Bild der „heilen Familie“ in ein realistisches Licht gerückt werden. Das kann beispielsweise in einem Familiengottesdienst zu alttestamentlichen Familiengeschichten geschehen, wo deutlich wird, dass Gottes Heil auch aus unvollkommenen Familienverhältnissen erwachsen kann.[15]

Als Zwischenresümee lässt sich festhalten: Familie braucht eine entlastende Unterstützung. Eine Erdung des emotionalen Binnenraumes durch Hilfen in der Gestaltung des Erziehungsalltags sowie das Hineinstellen in einen größeren Horizont.

Was bedeutet das für das Verhältnis von Familie und christlicher Gemeinde? Wo können beide unter dieser Prämisse zusammenkommen?

3. Wo kommen Familie und Kirche zusammen?

Leider gibt es keine umfassenden Untersuchungen darüber, was Familien von Kirche erwarten. Insofern bleibt nur der Weg einer indirekten Erhebung der Bedürfnisse über eine Analyse des faktischen Partizipationsverhaltens von Familien an kirchlichen Angeboten. Wir müssen also danach suchen, an welchen Stellen Familien in der Kirche auftauchen, um auf diese Weise herauszubekommen, was Familien wichtig ist und wann Familie und Kirche zumindest nach dem bisherigem Angebotskatalog zusammenkommen.

Eine entsprechende Analyse[16] zeigt, dass bisher Familie und Kirche vor allem dort zusammen kommen, wo mindestens ein Elternteil einer christlichen Kirche angehört und den Kontakt zur Kirche zu halten versucht. Da, wo diese institutionelle Verbindung durch die Kirchenmitgliedschaft unterbrochen wurde oder nie bestand, ist ein Brückenschlag zwischen den beiden Systemen Familie und Kirche deutlich schwieriger. Je größer die Distanz zur Kirche ist, desto unwahrscheinlicher werden christliche Positionen. Das zeigen die Unterschiede zwischen den schon immer Konfessionslosen und den aus der Kirche Ausgetretenen deutlich. Bei den schon immer Konfessionslosen spielt eine kirchlich bzw. christlich geprägte Praxis kaum noch eine Rolle. Vor allem in Ostdeutschland hat sich eine Feierkultur herausgebildet, die gänzlich ohne einen Transzendenzbezug auskommt und von der breiten Masse der Bevölkerung praktiziert und akzeptiert wird (das zeigen die Teilnahmezahlen zur Jugendweihe deutlich).

Grundsätzlich gilt, dass der Einfluss der Kirchen auf die Religiosität in der Familie in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen ist. Er ist zwar immer noch von Bedeutung, doch sind es nicht mehr die Kirchen, die hier die Maßstäbe setzen, sondern die Familien, die in Eigenregie die kirchlichen Angebote nutzen, ihren Bedürfnissen, Interessen und ihrer Autonomie entsprechend.

Familienreligiosität hat einen deutlich pragmatischen Charakter. Sie profiliert sich auf der Grundlage der vorhandenen Familientraditionen und den Anforderungen des Alltags.[17] Das alles geschieht weitgehend unreflektiert. Maßstab kirchlicher Partizipation ist die alltagspraktische und lebensgeschichtliche Relevanz religiöser Angebote. Religiöse Inhalte werden übernommen, soweit sie geeignet erscheinen, die individuelle Lebensausrichtung zu unterstützen. Unter der Familienperspektive ist die Stützung familialer Gemeinschaft von besonderer Bedeutung. Dabei geht es in erster Linie um die Begleitung von lebensgeschichtlich verunsichernden Situationen (an den großen Lebensübergängen wie Geburt und Tod, aber auch an den kleinen wie der Einschulung oder der Konfirmation) und die Stärkung der familialen Interaktion (z.B. beim weihnachtlichen Kirchgang). Die rituelle Dimension spielt hier eine bedeutende Rolle. Dabei finden die öffentlichen Riten, also die gottesdienstlichen Handlungen eine große Akzeptanz. Aber auch das Gebet als Form privater religiöser Praxis ist nicht unwichtig, doch vermeidet hier das Gros der Kirchenmitglieder die äußere Erkennbarkeit. Leider wissen wir nicht, ob das abendliche Gebet im Rahmen des Zu-Bett-Geh-Rituals davon auch in diesem starken Maße betroffen ist. Denn gerade diese Form des abendlichen Betens in der Interaktion zwischen Eltern und Kind hat lebensgeschichtlich eine außerordentlich große Bedeutung.

Religionspädagogisch ist das Zurücktreten erkennbarer Formen religiöser Praxis in der Familie von weitreichender Bedeutung, weil dadurch das religiöse Lernen am Modell im familialen Alltag immer schwieriger wird.

Insgesamt ist eine Tendenz zur Privatisierung zu erkennen. Religion ist „Privatsache“. Der Einzelne formt sich seinen Glauben aufgrund seiner persönlichen Bedürfnisse und lebensgeschichtlichen Vorgaben, die zum großen Teil familial bestimmt sind. Dies alles geschieht weniger auf der intellektuellen Ebene, also in bewusster reflexiver Auseinandersetzung, sondern unbewusst emotional. Festgemacht wird das oft an Vorbildern aus dem Familienkreis (Mutter, Vater, Großeltern).

Dem Gros der Familien mit einem oder beiden christlichen Elternteilen geht es im Zusammenhang mit kirchlicher Religiosität um einen „Lebensrahmen für Weltorientierung, Handlungsleitung und Schicksalsbewältigung“[18], der kirchenjahreszyklisch und lebenszyklisch ausgerichtet ist. Dabei hat sich die Rahmenfunktion der Kirche sowohl für die Gesellschaft als Ganzes wie für den Einzelnen stark abgeschwächt.

Unter Familienperspektive lassen sich zwei Hauptperioden aufzeigen, in denen der Mensch in entscheidender Weise in seinem Verhältnis zur Religiosität der christlichen Gemeinde geprägt wird: als Kind in der Herkunftsfamilie und als Elternteil in der eigenen Familie. Beide Phasen sind durch eine besondere Offenheit und die Bereitschaft zur Veränderung geprägt. In Westdeutschland ist für beide Phasen in der überwiegenden Zahl der Familien mit Kontakten zur Kirche vor allem über die Kasualien zu rechnen. In Ostdeutschland dagegen sind die Berührungsflächen zwischen Kirche und Familie wesentlich kleiner, weil Kirchlichkeit nur noch für eine Minderheit dazugehört und auch kein gesellschaftlicher Anreiz (im Sinne einer Mehrheitsorientierung) besteht, die eigene Biographie und das kirchliche Ritenangebot miteinander zu verbinden. Berührungspunkte zwischen Familie und Gemeinde gibt es dann nur noch – wenn überhaupt – sehr selten. Zu nennen sind hier kirchliche Kindergärten, Einschulungsgottesdienste sowie sozialraumorientierte Angebote wie eine offene Kinder- und Jugendarbeit.

Als Zwischenresümee bleibt festzuhalten: Traditionelle Berührungspunkte sind primär rituell bestimmt und jahreszyklisch und lebensgeschichtlich orientiert (Weihnachten, Taufe, Konfirmation). Eine besondere Offenheit für religiöse Fragestellungen zeigt sich im Kindesalter sowie in der Erfahrung des Elternseins, also bei Eltern mit kleinen Kindern. Darüber hinaus spielen kirchliche Angebote zur Kinderbetreuung eine Rolle.

4. Wie sollte sich eine familienorientierte Gemeinde profilieren?

Der Familie kommt eine große Bedeutung bei der religiösen Entwicklung zu. Einerseits gilt sie als unwillkürliches Deutungsmuster. Das gilt auch in Glaubensfragen, wenn beispielsweise in der Anrede Gottes als „Vater“ Erinnerungen und Erlebnisse aus der eigenen Familiengeschichte auftauchen. Andererseits erhält ein Mensch hier die früheste und nachhaltigste Prägung seiner Persönlichkeit. Auch das trifft ebenso auf die Religiosität zu. So belegen beispielsweise Kirchenbesucherzählungen, dass die in Kindheit und Jugend ausgeprägten Beteiligungsmuster weitgehend stabil bleiben.

Interessant ist, dass fast alle Menschen, die im Rahmen der dritten EKD-Mitgliedschaftsumfrage interviewt wurden, auf die bewusst offen gehaltene Erzählaufforderung nach Kirche, Glaube, Christentum und Religion mit einer Erinnerung an emotional bedeutsame Erfahrungen damit in ihren Herkunftsfamilien antworteten. Sie klopfen gleichsam ihre Biografie ab und suchen nach Erlebnissen, die sie damit in Verbindung bringen können. Religion wird also nicht inhaltsbezogen und auch nicht abgehoben von Lebensvollzügen, sondern von der Lebensgeschichte her beschrieben. Fragen nach Kirche und Glauben, nach Christentum und Religion erlangen erst in der lebensgeschichtlichen Verankerung eine persönliche Bedeutung.

Diese Befunde sollte gemeindliche Arbeit nicht unbeachtet lassen. Notwendig ist ein Perspektivwechsel: Familie darf nicht länger nur als Leistungsträger verstanden werden, der bestimmte Voraussetzungen für weitere Lernprozesse zu gewährleisten hat. Religion hat sich als Lebenspraxis zu beweisen, die hilfreich bei der Gestaltung des Familienlebens ist.

Unter dieser Prämisse sollten drei Punkte beachtet werden.[19]

4.1 Den Blick weiten auf die erzieherische Kompetenz von Eltern

Die Eltern-Kind-Beziehung ist grundlegend für die Herausbildung und Profilierung des Gottesbegriffes. Deshalb sollte eine christliche Eltern- und Familienarbeit ihr Augenmerk von vornherein auf die Stärkung und ausgewogene Gestaltung dieser Beziehung legen. Die familiale Herkunft bestimmt in Deutschland stark über Bildungschancen und Lebensperspektiven. Evangelische Arbeit mit Familien darf dieser Befund auch auf kirchengemeindlicher Ebene nicht gleichgültig sein.

Familiales Leben ist als eigenständiger Wert zu respektieren und zu würdigen. Vorwiegend in der Familie werden Selbstwertgefühl, eine positiven Lebenseinstellung und soziales Verhalten ausgebildet, um nur einiges zu nennen. All das ist grundlegend für die Ausübung von Religion. Deshalb gehört die Stärkung der erzieherischen Kompetenz von Eltern untrennbar zu einer christlichen Eltern- und Familienarbeit. Allerdings ist sie durchaus eigenständig zu profilieren, indem sie dabei die Explizierung des christlichen Glaubens im Blick hat.

4.2 Die religiöse Kompetenz von Eltern und Großeltern fördern

Religiöse Erziehung ist ohne die erlebbare Gestaltung des Glaubens nicht möglich. Kinder brauchen in ihrem Nahumfeld vertraute Bezugspersonen, von denen sie Glaubenshaltungen lernen können.

Es reicht also nicht aus, nur Modelle für Kinder zu entwickeln, ohne dabei den Eltern eigens Aufmerksamkeit zu widmen. Einzubeziehen sind hier auch die Großeltern. Sie spielen für ihre Enkel eine große Rolle und begleiten sie durch die steigende Lebenserwartung immer länger auf ihrem Lebensweg.

Religiöse Erziehung ist für Eltern und Großeltern mit Herausforderungen verbunden. Sie kann verunsichern, wenn (bisher vielleicht verdrängte) Fragestellungen ans Licht kommen, auf die man keine Antwort parat hat. Gleichzeitig aber kann sie auch als zusätzliche Belastung erlebt werden, wenn nun religiöse Praktiken (wie das Gebet) aufgenommen werden sollen, die vorher keine Rolle spielten.

Gemeindliche Eltern- und Familienarbeit sollte hier Hilfestellungen zur Explizierung des eigenen Glaubens bieten, wo innerfamiliäre Ressourcen aufgenommen werden und Eltern wie Großeltern Formen religiöser Erziehung finden können, die ihnen angemessen sind.

Notwendig sind dafür Kommunikationsräume, in denen es möglich ist, eigene Erfahrungen mit Kirche, Glaube und Religion zur Sprache zu bringen.

Dabei sind geschlechtsspezifische Unterschiede zu beachten. Frauen entwickeln eher eine gemeinschaftsbezogene Religiosität, während Männer hier oft Distanz wahren. Für sie sind tendenziell eher Aktionen von Bedeutung.

Doch grundsätzlich gilt: Religiöse Kompetenz in Erziehungsfragen und eigene Religiosität hängen aufs engste zusammen. Eltern und Großeltern brauchen keine Belehrung, sondern Impulse, die sie in ihrem Suchen und Fragen weiterführen, stärken und begleiten.

4.3 Familienunterstützende Angebote an anderen Lernorten profilieren

Für die Ausbildung von Familienreligiosität ist das Umfeld von herausragender Bedeutung. Begegnen Kinder (und Eltern) auch außerfamilial der religiösen Dimension steigt die Wahrscheinlichkeit einer verstärkten Familienreligiosität.

Fehlen stützende außerfamiliale Impulse steht der Explizierung des Gottesglaubens in der Familie die faktische Abwesenheit Gottes in den anderen Sozialisationsinstanzen (Kindergarten, Schule, Peergroup) gegenüber. Das zwingt zu Vermittlungsleistungen, bei denen die Glaubensentwicklung oft behindert wird.

Die große Mehrzahl der Familien ist auf die außerfamiliale Explizierung von Religion in besonderer Weise angewiesen. Deshalb reicht es nicht, wenn gemeindliche Eltern- und Familienarbeit nur den eigenen Lernort im Blick hat. Hier ist die Perspektive zu ändern. Es sollte gesucht werden, wo an den anderen Lernorten (wie Kindergarten, Schule, Peergroup) eigene Angebote eingebracht werden können, die Familien in ihrer impliziten und expliziten religiösen Erziehung stützen.[20]

Dabei kommt dem Kindergarten eine besondere Bedeutung zu, da Eltern diesem Lernort in der Regel eine besondere Aufmerksamkeit schenken, weil ihr Kind hier zum ersten Mal intensiv von außerfamilialen Bezugspersonen betreut wird. Dadurch ergibt sich eine enge Verknüpfung mit der Familie und damit eine der seltenen Gelegenheiten, mit dem Elternhaus in Kontakt zu kommen.

5. Welche Kirche braucht die Familie?

Welche Kirche braucht die Familie? Diese Frage kann nicht ein für allemal beantwortet werden, weil die Bedürfnisse der einzelnen Familien unterschiedlich sind. Aber die genannten Punkte bieten einen Orientierungsrahmen, der für die Profilierung der gemeindlichen Arbeit vor Ort beachtet werden sollte.

Im Zusammentreffen der beiden Systeme Familie und Kirche ergibt sich ein Spielraum, der unterschiedlich genutzt werden kann, je nachdem welche Familien sich im Umfeld der Gemeinde finden. Eltern- und Familienarbeit kann einerseits eher auf die Kirchengemeinde bezogen sein. Ziel ist es, die religiöse Kompetenz zu stärken und den christlichen Glauben als familienstützendes Element deutlich werden zu lassen. Andererseits kann der Schwerpunkt aber auch auf der Familie liegen. Einer sozialraumorientierten Eltern- und Familienarbeit wird es primär darum gehen, die erzieherische Kompetenz der Eltern zu stärken und das familiale Miteinander positiv zu gestalten und zu beeinflussen. Beide Zweige einer christlichen Eltern- und Familienarbeit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern sind komplementär zu sehen.

Familienorientierung ist keine Zusatzdimension gemeindlicher Arbeit, die wir uns auch noch leisten können, wenn alles andere gut klappt. Im Gegenteil, sie ist eine grundlegende Dimension. Wenn man sich die Ergebnisse der vierten Mitgliedschaftsumfrage der EKD anschaut, stellen sich viele Herausforderungen und offene Fragen. Eines jedoch ist evident: „In der Stärkung der Familie und der religiösen Prägung des Familienlebens liegt ein wesentlicher Anknüpfungspunkt für die Verbesserung der Wirkungsmöglichkeiten der evangelischen Kirchen in Deutschland. Das zeigen die Daten mit schlagender Deutlichkeit.“[21]

Familienorientierung bedeutet dabei nicht zwangsläufig, neue Arbeitsfelder zu schaffen und viel Geld in die Hand nehmen zu müssen. Auch wenn dies eine wirkungskräftige Familienarbeit sehr befördern kann, lassen sich auch bei knappen Ressourcen die hier markierten Punkte in Angriff nehmen. An einem Beispiel will ich das kurz erläutern. Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD hat eine Analyse zum Taufverhalten der evangelischen Bevölkerung vorgelegt. Dabei stellte man fest, dass Kinder von evangelischen Müttern, die nicht verheiratet sind, überwiegend nicht getauft werden, obwohl diese Mütter ein großes Interesse an der Taufe haben. Bei der Befragung ergab sich, dass sich in der Gruppe der Alleinerziehenden „die größte Intensität der gelebten Religiosität in der Mutter-Kind-Beziehung“ findet. „Die Taufe hat hier deswegen diese hohe Bedeutung, weil sie noch deutlicher als in anderen familiären oder sonstigen Zusammenhängen Schutz, Sicherheit, Wegbegleitung und Führung bedeutet, und sich in ihr so in gewisser Hinsicht auch die Vorstellung von einer ‚richtigen Familie’ und einer ‚heilen Welt’, zu der man so nicht dazugehört, versinnbildlicht. Entsprechend wird hier auch weitergehend über die Bedeutung der Taufe als Aufnahme in die christliche Gemeinschaft und im Blick auf Schutz, Sicherheit und Orientierung reflektiert.“[22] Wir haben hier also die paradoxe Situation, dass diejenige Gruppe, die besonders hohe Erwartungen an die Taufe hat, ihre Kinder nicht taufen lässt, weil man „von den vorhandenen Möglichkeiten sozusagen schon in Wahrnehmung vorab schneller enttäuscht“ ist. „Man kann eben nicht eine richtige Familie vorweisen und kann sich deswegen nur schwer vorstellen, ‚da so alleine vor der Gemeinde’ zu stehen – auch wenn man die Taufe gerne vollziehen würde“[23]. Dieser Befund illustriert, dass eine christliche Familienorientierung sich nicht am Wunschbild einer wie auch immer gearteten „heilen Familie“ aufhalten darf, sondern die vorfindlichen Familienkonstellationen aufzunehmen hat. Für Alleinerziehende könnte das beispielsweise bedeuten, dass eine Taufe außerhalb des sonntäglichen Gottesdienstes in anderen, geschützteren öffentlichen Formen gesucht wird, z.B. innerhalb des Kindergottesdienstes mit Beteiligten ihrer Krabbelgruppe oder im Kindergarten.[24]

Familienorientierung heißt nicht Vergötterung der Familie. Es heißt ein Ernstnehmen der Bedeutung familialer Beziehungen für den Einzelnen. Familie ist eine überaus stark prägende Sozialisationsinstanz. Sie bildet einen unwillkürlichen Deutungsrahmen, und das nicht nur in der Kindheits- und Elternphase, sondern ein ganzes Leben lang.

Welche Kirche braucht Familie? Familie braucht eine Kirche, die genau dies beachtet und konstruktiv aufnimmt. „Eine wesentliche Grundvoraussetzung von Erziehung ist es, in Beziehungen zu leben, die ‚gut tun’.“[25], sagte Sigrid Tschöpe-Scheffler mit Blick auf die Frage einer „richtigen“ Erziehung. In der Ermöglichung wohltuender Beziehungen sehe ich denn auch eine besondere Aufgabe von Kirche. In dieser Aufgabe wäre sie ganz bei ihrer Sache. Denn Glauben wird personal übertragen.[26] Ohne die Erfahrung solcher wohltuender Beziehungen wird auch die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes die Menschen nicht erreichen, die sie besonders nötig haben.

Prof. Dr. Michael Domsgen, Evangelische Religionspädagogik, Theologische Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 06099 Halle/Saale.



[1] Vortrag auf der Fachtagung „Welche Familie braucht die Kirche? - Welche Kirche braucht die Familie?“ in Güstrow am 18.04.07.

[2] Vgl. Rosemarie Nave-Herz, Familie heute. Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung, Darmstadt 22002, 16.

[3] Klaus A. Schneewind, Familienentwicklung, in: Rolf Oerter, Leo Montada (Hg.) Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch, 31995, 128-166, 164.

[4] A.a.O., 165.

[5] Ebd.

[6] Vgl. L.C. Wynne, Die Epigenese von Erziehungssystemen. Ein Modell zum Verständnis familiärer Entwicklung, in: Familiendynamik 10 (1985), 112-146, 131f., hier zit.n. Schneewind 165.

[7] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Statistisches Bundesamt (Hg.), Wo bleibt die Zeit? Die Zeitverwendung der Bevölkerung in Deutschland 2001/02, o.O. 2003, 28.

[8] Vgl. dazu auch: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.), Potenziale erschließen. Familienatlas 2005, Berlin 2005.

[9] Zur Differenzierung vgl. Günter R. Schmidt, Religionspädagogik, Ethos, Religiosität, Glauben in Sozialisation und Erziehung, Göttingen 1993, 131f.

[10] Franz-Xaver Kaufmann, Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und politische Bedingungen, München 1995, 164.

[11] Vgl. Klaus Hurrelmann, Warum wir Elternschulen und Familienzentren brauchen, in: Albert Biesinger, Friedrich Schweitzer (Hg.), Bündnis für Erziehung. Unsere Verantwortung für gemeinsame Werte, Freiburg, Basel, Wien 2006, 103-110, 105f. Hurrelmann bezieht sich hier auf: Sigrid Tschöpe-Scheffler, Was Eltern wollen und was sie brauchen – eine Befragung von 350 Eltern, unveröffentlichtes Manuskript, Köln 2005.

[12] Andreas Lange, Arbeits- und Familienzeiten aus Kinderperspektive, in: Hans Bertram, Helga Krüger, C. Katharina Spieß (Hg.), Wem gehört die Familie der Zukunft? Expertisen zum 7. Familienbericht der Bundesregierung, Opladen 2006, 125-143, 140.

[13] A.a.O., 139.

[14] Franz Xaver Kaufmann, Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und Politische Bedingungen, München 1995, 174 (im Original kursiv).

[15] Vgl. Michael Domsgen, Familie und Gemeinde. Erste Überlegungen zu einer angemessenen Bestimmung ihres Verhältnisses in der Kybernetik, in: Pastoraltheologie 95 (2006), H. 4, 160-171, 165f.

[16] Vgl. Michael Domsgen, Familie und Religion. Grundlagen einer religionspädagogischen Theorie der Familie, Leipzig 22006, 112-192.

[17] Vgl. Ulrich Schwab, Familienreligiosität. Religiöse Traditionen im Prozeß der Generationen, Stuttgart, Berlin, Köln 1995.

[18] Kirchenamt der EKD (Hg.), Kirche, Horizont und Lebensrahmen. Weltsichten, Kirchenbindung, Lebensstile. Vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2003, 7.

[19] Vgl. Michael Domsgen, Eltern- und Familienarbeit, in: Matthias Spenn, Doris Beneke, Frieder Harz, Friedrich Schweitzer (Hg.), Handbuch Arbeit mit Kindern – Evangelische Perspektiven, Gütersloh 2007, 245-252, 249f.

[20] Zu beachten ist dabei, dass jeder Lernort seine Spezifik hat. Unter der Perspektive des Lernens lässt sich grob verallgemeinernd festhalten: In der Familie wird in erster Linie beziehungsorientiert gelernt, in den Medien unterhaltungsorientiert, in der Schule sequenziell-begrifflich und in der Gemeinde punktuell-rituell. Der Kindergarten bildet eine Zwischenstufe zwischen beziehungsorientiertem und erstem sequenziell-begrifflichem Lernen. Er ist einerseits eng mit der Familie verknüpft und andererseits eine der Schule zugeordnete Institution. Vgl. Michael Domsgen, Plädoyer für eine systemische Religionspädagogik, in: IJPT 11 (2007), H.1 (erscheint demnächst).

[21] Detlef Pollack, Kommentar: Was tun? Ein paar Vorschläge trotz unübersichtlicher Lage, in: Wolfgang Huber, Johannes Friedrich, Peter Steinacker (Hg.), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2006, 129-133, 133.

[22] Sozialwissenschaftliches Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland, Analysen zum Taufverhalten der evangelischen Bevölkerung in Deutschland, Hannover 2006, 8.

[23] A.a.O., 9.

[24] Vgl. Kristian Fechtner, Lutz Friedrichs, Taufe und Taufpraxis heute, Praktisch-theologische Anmerkungen im Anschluss an die Studie: „Kein Anlass zur Dramatik – aber Verbesserungsbedarf“ des Sozialwissenschaftlichen Institutes der EKD o.O. masch. 2006.

[25] Sigrid Schöpe-Scheffler, Elternermutigungen statt Elternschelte, in: dies. (Hg.), Perfekte Eltern und „funktionierende“ Erziehung. Vom Mythos der „richtigen“ Erziehung, Opladen 22006, 13-30, 21.

[26] Vgl. Karl Ernst Nipkow, Erwachsenwerden ohne Gott. Gotteserfahrung im Lebenslauf, München 1987, 76.