Knowledge base


Gemeinsam durch das erste Lebensjahr. DELFI®-Gruppen für Eltern und Babys ab der sechsten Lebenswoche

Überwiegt bei der Geburt eines Kindes das Glück und die Freude, stellen sich in den folgenden Wochen viele Fragen und Unsicherheiten ein. Gerade beim ersten Kind ist alles neu, ich will um Himmels Willen nichts verkehrt machen! Entwickelt sich mein Kind normal, sind alle anderen auch so, was mache ich bloß, wenn es nicht so will, wie ich, fehlt ihm auch bestimmt nichts?
DELFI Kurse (Denken, Entwickeln, Fühlen, Lieben, Individuell) bieten Begleitung durch ausgebildete Kursleiterinnen, Austausch mit anderen Müttern und Vätern, zunehmende Sicherheit im Umgang mit meinem Kind, einen Kompass durch die aufregenden Wochen und Monate neuen Lebens und Mutter und Vater Werdens. Fragen Sie bei Ihrer Familienbildungsstätte nach! Sie werden begeistert sein!

Flyer Delfi


Familientelefon und Datenbank Frühe Hilfen
Rendsburg-Eckernförde

Seit 2013 gibt es im Kreis Rendsburg-Eckernförde ein Familientelefon. Unter der Nummer 04331 56 813 können Schwangere, Mütter und (werdende) Väter  sowie Familien mit Kindern bis zu drei Jahren und die interessierte Öffentlichkeit sich über regionale Angebote „Früher Hilfen“ informieren. Das Familientelefon beantwortet beispielsweise Fragen wie „Wo kann ich mich mit anderen Müttern über die erste Zeit mit meinem Säugling austauschen?“ oder „Wer passt auf mein Kleinkind auf, wenn ich kein eigenes familiäres Netzwerk habe und wichtige Termine wahrnehmen muss?“ 10 Mitarbeiter/innen aus unterschiedlichen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe des Kreises Rendsburg-Eckernförde haben sich zusammengeschlossen, alle Fragen in der sensiblen Phase um Schwangerschaft, Geburt und in den ersten Lebensjahren der Kinder zu beantworten. Die Gespräche sollen auch dazu dienen, die eigenen Angebote bedarfsgerecht zu gestalten. Die Fachleute am Telefon wollen Eltern informieren und ihre Bedürfnisse, Wünsche und Anregungen aufnehmen und „ins Gespräch zu kommen“. Das Familientelefon ist immer montags von 10 bis 12 Uhr und von 17 bis 19 Uhr sowie dienstags bis freitags von 10 bis 12 Uhr zu erreichen. Ebenso verfügt der Kreis Rendsburg-Eckernförde über eine Datenbank "Frühe Hilfen". Diese hat zum Ziel, für Familien ein komfortables Anlaufportal zu schaffen, um sich über die Angebote Früher Hilfen im Kreis Rendsburg-Eckernförde zu informieren sowie Fachkräfte, Institutionen, Einrichtungen beim Anbieten und Werben Früher Hilfen zu unterstützen. Die Datenbank besteht aus einem internen (für Fachkräfte, Institutionen, Einrichtungen) und einem frei zugänglichen (für Familien) Bereich.

Informationen: http://www.kreis-rendsburg-eckernfoerde.de/verwaltungsportal/jugend-und-familie/fruehe-hilfen/angebote.html



Handreichung für Familienzentren

Familien erleben sich sehr unter Druck, schon bei der Gestaltung des ganz normalen Alltags. Die Zeiten von Arbeit, Kita, Schule, öffentlichem Leben sind nicht aufeinander abgestimmt, die Arbeitswelt erwartet Flexibilität am Arbeitsplatz, auch was die Zeit betrifft, Mobilität, was den Arbeitsort betrifft. Alte soziale Netze, die einspringen und aushelfen wie Großeltern, Freund_innen, Nachbarschaft sind meist nicht mehr vorhanden oder selbst zeitlich nicht disponibel.

Familienzentren können ein erforderliches, neues soziales Netz bieten. Angedockt an einer Kindertagesstätte oder einer Familienbildungsstätte bestimmen die Menschen des Lebensraums rundherum mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten, was an Beratungsangeboten, Bildungsangeboten und weiterem entwickelt werden soll. Ein Familienzentrum bietet niedrigschwellige Begegnung und Kommunikation über die Generationen hinweg. So können sich kurzfristig Schicksalsgemeinschaften ergeben, die für alle Beteiligten, besonders die Kinder, Stress auffangen und ein Stück des Dorfes abbilden, das es nach einem afrikanischen Sprichwort braucht, um Kinder zu erziehen. Familienzentren haben einen gemeinsamen Rahmen, aber jedes einzelne sieht anders aus, weil es sich passgenau aus Dorf, der Kleinstadt, der Stadt, dem Stadtteil entwickelt, wo es angesiedelt ist.

Eine zukunftsweisende Form kirchlicher Arbeit! Lassen Sie sich von der Handreichung inspirieren! Wenn Beratung, Begleitung, Auskunft gewünscht wird, melden Sie sich gerne bei der Fachstelle Familien oder einem Mitglied des Netzwerks Familien. Wir kommen gerne zu Ihnen!

Handreichung Familienzentren in der Nordkirche





EKD Orientierungshilfe Zwischen Autonomie und Angewiesenheit
Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken


Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat Mitte Juni eine Orientierungshilfe zum Thema Familie veröffentlicht. Der Text trägt den Titel "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit - Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken". Dieser Orientierungshilfe liegt - wie auch dem Impulspapier der EKvW "Familien heute" - ein erweiterter Familienbegriff zugrunde, der die Vielfalt, in der Familie heute gelebt wird, anerkennt.

Die Vorsitzende der Ad-hoc-Kommission des Rates der EKD, die ehemalige Bundesministerin Christine Bergmann (Berlin), sagte anlässlich der Vorstellung in Berlin: "Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung füreinander übernehmen, sollten sie Unterstützung in Kirche, Staat und Gesellschaft erfahren. Dabei darf die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, nicht ausschlaggebend sein".

Der Vorsitzende des Rates der EKD, Nikolaus Schneider betonte bei der Vorstellung der Orientierungshilfe: "Die Erwartungen an Familie und die Erfahrungen in Familie haben sich seit den biblischen Zeiten der Reformationszeit und besonders in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert. Familie heute existiert in sehr verschiedenen Formen." Gerade deshalb sei es nicht einfach, sich über Familie zu verständigen. Das gelte für die gesellschaftliche wie für die kirchliche Diskussion. In der neuen EKD-Orientierungshilfe, so Schneider, gehe es zum einem um eine Bestandsaufnahme der Wirklichkeit von Familien, um einen Blick auf die jüngere Geschichte der Familienpolitik in Ost und West und um die aktuellen sozialpolitischen Herausforderungen, zum anderen "um die Bedeutung biblischer Texte und evangelischer Theologie für unser Familienbild und die Bedeutung, die kirchliches Handeln angesichts der Brennpunkte der Familienpolitik heute haben kann." So würden Brennpunkte in Erziehung, Bildung und Pflege, in Zeitpolitik und Geschlechterfragen in der Orientierungshilfe differenziert entfaltet.

Für die theologische Ethik, so der Ratsvorsitzende, sei die Familie "ein generationenübergreifender Lebensraum, in dem Verlässlichkeit in Vielfalt, Verbindlichkeit in Verantwortung, Vertrauen und Vergebungsbereitschaft, Fürsorge und Beziehungsgerechtigkeit" zu gestalten sei. Schneider: "Nach wie vor ist Familie der erste und wichtigste Ort der religiösen Sozialisation. Weit mehr als Pfarrer, Pfarrerinnen, Lehrerinnen und ältere Jugendliche, prägen Eltern und Großeltern den Glauben der nächsten Generation. Wenn es um die Weitergabe von Glauben und Werten, Traditionen und Erfahrungen geht, brauchen Familie und Gesellschaft alle Generationen."

Ab dem 24. Juni 2013 im Buchhandel erhältlich: "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit - Familien als verlässliche Gemeinschaft stärken". Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Gütersloh 2013. Preis: 5,99 Euro. ISBN 978-3-579-05972-3

Hier können Sie die Orientierungshilfe online lesen: http://www.ekd.de/download/20130617_familie_als_verlaessliche_gemeinschaft.pdf


Leitender Bischof der Nordkirche Gerhard Ulrich zur EKD Orientierungshilfe zu Familien

Landesbischof Gerhard Ulrich :

Wo Menschen in verbindlicher, verlässlicher, liebevoller und verantwortlicher Gemeinschaft zusammenleben, werden elementare soziale und humane Fähigkeiten erlernt und gelebt. Darum ist das Thema „Familie“ wichtig, weil die Entwicklung des familiären Zusammenlebens für die Zukunft unserer Gesellschaft entscheidend ist. Familiäre Strukturen befinden sich in einem starken Wandel, der erst einmal ganz nüchtern zur Kenntnis genommen werden muss, ohne sofort Werturteile zu fällen. Unsere Kirche setzt sich dafür ein, dass das familiäre Zusammenleben geschützt, unterstützt und gestärkt wird. Dazu ist die aktuelle Orientierungshilfe der EKD ein wichtiger Beitrag. Sie macht zu Recht darauf aufmerksam: Familie ist mehr als Ehe und Partnerschaft. Sie ist ein komplexes, emotionales wie rechtliches Gebilde von höchster Bedeutung – und in größter Spannung.
Dass die Orientierungshilfe den Wandel von Familie und Familienbegriff sehr detailliert beschreibt, ist ein Gewinn. Aber zur Orientierung gehört eine noch stärkere theologische Auseinandersetzung, wie etwa die mit dem lutherischen Grundprinzip des „sola scriptura“ – allein durch die Schrift und allein an der Schrift können und wollen wir uns als evangelische Christen Orientierung verschaffen. An ihr haben Handeln und alle Formen des Lebens Maß zu nehmen. Diese Norm gibt es nicht „einfach“. Sie ist so komplex wie das Leben selbst. Und dennoch lässt sie sich festmachen: „Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – für Jesus sind in diesem Doppelgebot alle anderen Gebote (und Normen!) zusammengefasst. Daher hätte die Orientierungshilfe deutlicher sagen können: Die Spannung zwischen Norm und Realität ist eine Herausforderung, egal in welcher Form sich Partnerschaft und familiäres Zusammenleben ordnet. Auch wenn der Familienbegriff erweitert wird, verschwindet diese Spannung nicht, sie wird lediglich ebenso „erweitert“.

Die Orientierungshilfe ist Hilfe zur Diskussion und zum Diskurs. Das ist die Form, die angemessen ist. Und die Aufgabe des Landesbischofs ist es nicht, eine autoritative Entscheidung zu fällen, sondern - mit anderen zusammen - dafür Sorge zu tragen, dass der Diskurs in einer nach dem christlichen Glauben verantwortbarer Weise geführt, die Einheit gewahrt und nicht mit Spaltung gedroht wird.

In den aktuellen Diskurs bringe ich Gesichtspunkte ein, die mir wichtig sind:
a) Mir sind meine Ehe und meine Familie sehr wichtig. Meine Frau, meine Söhne und ihre Partnerinnen, meine Enkeltochter und andere geben mir den Rückhalt und die Geborgenheit, die ich brauche. Und ich weiß, dass Gott dabei ist mit seiner Verheißung und mit seinem hilfreichen Gebot. So gebunden bin ich frei.
b) „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, sagt die Heilige Schrift und die Orientierungshilfe zitiert das mehrfach. Dabei fehlt aber der Hinweis auf die „Vertikale“. Da tritt noch ein anderer in Beziehung, Gott selbst. So, wie wir Menschen Wesen in Beziehung sind, so ist auch Gott ein Gott, der die Nähe zu den Menschen sucht und die Nähe der Menschen zu ihm fordert. Im Trauversprechen sagen die Eheleute vor der Öffentlichkeit und vor Gott „Ja, mit Gottes Hilfe“ zueinander. Dabei geht es um eine Beziehung in und unter der Gerechtigkeit Gottes und nicht um eine Form, die wir für gerecht halten.
c) Die Ehe ist für mich einerseits eine göttliche Gabe. Sie ist Raum und Form, in denen Gottes Wort und Verheißung sich abbilden, entfalten, leiten, orientieren; in der Treue gewagt, Leiblichkeit gelebt und Verlässlichkeit geübt wird. Aber die Ehe ist zugleich „ein weltlich Ding“. In ihr können ebenso Untreue, Gewalt und Missbrauch zuhause sein. Die Ehe schützt, aber sie ist keine „schuldfreie Zone“.
d) Keine Lebensform ist eine „schuldfreie Zone“. Jeder Mensch ist Sünder und Gerechter zugleich. Deshalb sehe ich eine Idealisierung der Ehe kritisch. Aber ich sehe auch eine Idealisierung von „an Gerechtigkeit orientierten Familienkonzeptionen“ (Orientierungshilfe) kritisch, weil wir auch mit solchen Konzeptionen der Sünde nicht entkommen.
e) Freiheit und Unabhängigkeit im familiären Zusammenleben werden in der Orientierungshilfe zu Recht hervorgehoben. Aber es muss auch benannt werden, dass Bindung und Verzicht auf die Ausübung von Freiheit in eine evangelische Ethik ebenso hinein gehören.
f) Die Orientierungshilfe entwertet die Ehe nicht, auch wenn darauf hingewiesen wird, dass sie nicht exklusiv ist. Ausdrücklich wird die Rechtsform der Ehe „als Stütze und Hilfe“ weiterhin gewürdigt.



Zwischen Autonomie und Angewiesenheit
Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken

Meilenstein für das kirchliche Verständnis von Familie

Die Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen e.V. (eaf) hat die Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit" zum Thema Familie begrüßt. Der familienpolitische Dachverband in der EKD bezeichnet die Orientierungshilfe als "Meilenstein für das kirchliche Verständnis von Familie".

"Protestantische Theologie unterstützt das Leitbild der an Gerechtigkeit orientierten Familie, die in verlässlicher und verbindlicher Partnerschaft verantwortlich gelebt wird", heißt es in der Orientierungshilfe. "Dieser Satz gehört nun endlich auch zur Kirchengeschichte", freut sich Christel Riemann-Hanewinckel, Präsidentin der eaf. "Die Schrift ist ein Meilenstein für das kirchliche Verständnis von Familie und räumt auf mit der Spaltung in bessere und schlechtere Familien und Paare. Ihre Leistungen, Hoffnungen und Wünsche werden anerkannt und die vielfältigen Fragen und Widersprüchlichkeiten aufgenommen", erklärt Riemann-Hanewinckel.

Die Stellungnahme der eaf im Wortlaut


Welche Kirche braucht die Familie?

Michael Domsgen

Welche Kirche braucht die Familie?

Ansprüche und Bedürfnisse von Familien gegenüber Kirche[1]

Welche Kirche braucht die Familie? Diese Frage klingt einfach und hat es doch in sich. Denn die Familie gibt es genauso wenig wie die Kirche. Ich konzentriere mich im Folgenden auf die Familienperspektive und werde das in mehreren Schritten tun. Zuerst sollen Grundlagen gelegt werden mit Blick auf die Familie als Sozialsystem und dann mit Blick auf die Familie als Lernort des Glaubens. Danach soll allgemein gefragt werden, was Familien brauchen, um darauf aufbauend zu überlegen, was Familien von der Kirche brauchen könnten. Zum Abschluss soll bedacht werden, wie sich eine familienfreundliche Kirche profilieren sollte.

1. Grundlagen

1.1 Die Familie als Sozialsystem

Die Familie gibt es nicht. Es gibt nur Familien. Diese unterscheiden sich in ihrer Struktur. So lassen sich eine Mehrzahl von Familientypen und –formen aufzeigen. Folgt man der Familiensoziologin Rosemarie Nave-Herz und berücksichtigt die unterschiedlichen Rollenzusammensetzungen (Elternfamilien mit bzw. ohne formale Eheschließung sowie Mutter- bzw. Vater-Familien) und Familienbildungsprozesse (durch Geburt, Adoption, Scheidung/Trennung, Verwitwung, Wiederheirat, Pflegschaft), lassen sich derzeit in Deutschland 16 verschiedene, rechtlich mögliche Familientypen benennen.[2] Mit jedem dieser Familienformen sind unterschiedliche Herausforderungen verbunden, die nicht ohne weiteres egalisiert werden können.

Außerdem ist zu bedenken, dass Familien einer Entwicklung unterliegen, weil sich die Rollen der Familienmitglieder im Laufe des Lebenszyklus verändern. Der Volksmund sagt: „An den Kindern sieht man, wie die Zeit vergeht“. Das Alter der Kinder ist denn auch ein wichtiges Kriterium für die Unterscheidung verschiedener Stadien (bzw. Familienzyklen), wobei jedes Stadium eigene Aufgaben in sich birgt. In diesen Umbrüchen stellen sich für die einzelnen Familienmitglieder neue Herausforderungen, die sie zu bewältigen haben. Jede Phase hat also ihre eigene Prägung. Wenn wir vorschnell von der Familie sprechen, besteht die Gefahr, dass die unterschiedlichen Anforderungen und Prägungen der jeweiligen Familienphase verschleiert werden.

Beide genannten Punkte, die Struktur wie auch die Entwicklung innerhalb einer Familie, sind in ihrem Zusammenhang zu sehen. So gibt es nicht nur Entwicklungen innerhalb einer sich hindurchziehenden Familienstruktur. Vielmehr führen veränderte Strukturen (Scheidung, Tod des Partners) auch zu veränderten Familienentwicklungsaufgaben. „Wie auch immer die konkreten Familienformen und zugehörigen Entwicklungsaufgaben aussehen: Dadurch, daß sich Familien ihnen stellen, sie durch gemeinsames Handeln zu bewältigen versuchen, und zugleich ein Handlungsvollzug bestehende Kompetenzen konsolidieren bzw. sich neu aneignen, entsteht eine besondere Beziehungsqualität zwischen den Mitgliedern des Personensystems ‚Familie’.“[3]

Diese besondere Verbundenheit der Familienmitglieder basiert auf einem immer neu auszuhandelnden Gleichgewicht zwischen individueller Autonomie der Familienmitglieder sowie ihrer Verbindung miteinander. Denn nicht nur die Familie als Ganze unterliegt einer Entwicklung, auch die einzelnen Familienmitglieder durchlaufen eine individuelle Entwicklung. Wer von der Familie spricht, hat also einerseits die Familie als Ganze in den Blick zu nehmen, in ihrer Verbundenheit miteinander. Andererseits sind aber auch die Einzelnen zu bedenken, die individuelle Entwicklungsaufgaben im Kontext des Beziehungssystems Familie zu bewältigen haben.

Die sich im Lebensgang einer Person entfaltenden Handlungsspielräume und Kompetenzmuster lassen sich unter dem Begriff der Autonomie zusammenfassen. Familie operiert also immer „im Kontext von Verbundenheit und zugestandener Autonomie“[4]. Die Entwicklungspsychologie spricht hier von „Metaentwicklungsaufgaben, welche die im Familienlebenszyklus alterns- und situationsspezifisch auftretenden Familienentwicklungsaufgaben überlagern“[5]. Dabei ergänzen sich familiär-gemeinschaftliches und individuelles Handeln nicht immer problemlos. – Eine Phase, in der besonders deutlich zu Trage tritt, ist die Adoleszenzzeit der Kinder. Aber vom Grundsatz her gilt das auch für die anderen Lebensaltersphasen der Kinder. – Die Folge ist, dass die sich im bisherigen Beziehungsprozess eingepegelte Balance von Verbundenheit und zugestandener Autonomie auf eine harte Probe gestellt wird und ein neues Austarieren dieser Variablen erforderlich ist. Man kann den dafür notwendigen Prozess (mit Wynne) als Gegenseitigkeit bezeichnen.[6]

Wer also Familie in den Blick nimmt, hat das Wechselspiel von Gemeinschaftlichkeit und Individualität immer mit zu bedenken. Die Familie als Ganze ist wichtig, aber eben auch der Einzelne, der sich in dieser Gemeinschaft entfalten soll. Insofern impliziert Familie eine doppelte Blickrichtung: auf das Ganze, das gestärkt werden soll, aber auch auf den Einzelnen, der – manchmal mit, aber auch manchmal ohne dieses Ganze – gestärkt werden soll. Das lässt sich als erstes Ergebnis unseres Nachdenkens festhalten.

Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren wichtigen Punkt: Familie ist ein höchst dynamisches Gebilde. Das gilt mit Blick auf den familialen Binnenraum, wie es eben geschehen ist. Das gilt aber auch im Blick auf die Familie als Ganzes und ihre Einbettung in den sozialen Kontext. Familie ist nicht das Flaggschiff, das unbeirrt seine Bahnen durch die Zeiten zieht. Sie ist kein Gegenpol der Gesellschaft, in dem beispielsweise christlicher Glaube überdauern könnte, auch wenn sich die Gesellschaft tiefgreifend gewandelt hat. Vielmehr agiert sie relativ autonom, d.h. sie wird von ihrer Umgebung geprägt, setzt aber nicht alles eins zu eins um, sondern verarbeitet die Impulse aus dem sie umgebenden Kontext familienspezifisch. Deshalb ist von vornherein das familiale Umfeld mit zu bedenken. Wer mit Familien arbeiten möchte, hat also auch den Kontext, in dem Familien leben, zu berücksichtigen.

Unter diesem Vorzeichen ist von besonderem Interesse, was die vom Bundesfamilienministerium und vom Statistischen Bundesamt herausgegebene Zeitbudgetstudie zu Beginn unseres Jahrtausends erhoben hat. 56 % aller Alleinerziehenden- und 46% aller Paarhaushalte mit minderjährigen Kindern brauchen für die Gestaltung ihres Alltags Hilfe.[7] Dabei spielt die Kinderbetreuung eine große Rolle und generell die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber nicht nur. Der Familienatlas 2005 nennt als weitere wichtige Indikatoren für Familienfreundlichkeit: die demografische Entwicklung (Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung, Fertilitätsrate, Binnenwanderungssaldo) und die Faktoren Bildung und Arbeitsmarkt sowie Sicherheit und Wohlstand.[8] Die grundlegende Frage für Familien lautet also: Finden wir ein Umfeld vor, das familienfreundlich ist und uns Unterstützung bietet oder leben wir in einem Umfeld, das strukturell gegen uns arbeitet?

Aus dem Gesagten lässt sich als erstes Zwischenresümee festhalten: Wer Familien unterstützen möchte, sollte das Wechselspiel von Gemeinschaftlichkeit und Individualität innerhalb der Familie im Blick haben sowie den Kontext, in dem Familie agiert.

Diese Punkte gelten für Familienförderung insgesamt. Im nächsten Schritt soll die Themenstellung religionspädagogisch fokussiert werden, indem die Familie als Lernort des Glaubens in den Blick genommen wird.

1.2 Die Familie als Lernort des Glaubens

Die Familie gibt es nicht. Das gilt auch für die Familie als Lernort des Glaubens. Religiöse Erziehung ist kein Sonderbereich, sondern eingebettet in die allgemeine Erziehung. Denn Religion ist eine Dimension, die das Leben insgesamt durchzieht. Religiöse Erziehung – und insbesondere diejenige im christlichen Glauben – beschränkt sich nicht nur auf die Weitergabe von Glaubensinhalten, sondern will eine vom Glauben geprägte Grundhaltung zum Leben insgesamt erreichen. Diese basiert maßgeblich auf der menschlichen Grunderfahrung, unbedingt erwünscht und angenommen zu sein. Religiöse Erziehung vermittelt also eine bestimmte Einstellung zur Welt und zum Leben insgesamt. Die Grenzen zwischen religiöser Erziehung und allgemeiner Persönlichkeitsentwicklung sind fließend.

Der christliche Glaube ist eine identitätsstiftende Praxis. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung von religiösen Praktiken und Vorstellungen, sondern um die Entwicklung einer Persönlichkeit, die sich bejaht weiß und sich deshalb frei entfalten kann. Das geschieht nicht einseitig, sondern im wechselseitigen Prozess zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen.

Nimmt man diese Grundbestimmung ernst, wird deutlich, dass zwischen einer impliziten und einer expliziten religiösen Erziehung zu unterscheiden ist. Vor allem in den ersten Lebensjahren – aber nicht nur! – geht es wesentlich darum, den Kindern Erfahrungen zu ermöglichen, die auf den ersten Blick gar nicht nach religiösen Erfahrungen aussehen, die aber dennoch dafür sorgen, dass die Wörter und Bilder unserer Kinder reich an Vorstellungen, Erinnerungen und Hoffnungen werden, die sie für die Verkündigung unseres Glaubens erst ansprechbar machen. Auf diese Weise kann ein Erfahrungsfundus gebildet werden, der dazu verhilft, explizit religiöse Aussagen zu deuten und emotional positiv nachzuempfinden.

Darüber hinaus sind Kinder jedoch darauf angewiesen, dass ihnen die religiöse Dimension explizit eröffnet wird. Sie benötigen Deutungsmuster und Praktiken, die Transzendenz benennbar und erfahrbar macht. Dabei können Eltern unterschiedliche Absichten verfolgen.[9]

Als einweisende religiöse Erziehung fördert sie eine ganz bestimmte Grundorientierung. Sie wird meist von Eltern gewählt, die von der Richtigkeit ihrer Glaubensposition überzeugt sind und deshalb auch ihre Kinder in diesem Glauben erziehen wollen.

Anders ist es bei der hinweisenden religiösen Erziehung. Hier wird zwar die Notwendigkeit einer Grundorientierung gesehen, aber unter Anbetracht der Relativität der eigenen Sicht, ermöglicht man lediglich die Begegnung mit unterschiedlichen Sinn- und Wertannahmen, ohne die Wahrheitsfrage zu beantworten.

Religiosität entsteht nicht unvermittelt. Sie ist – pädagogisch gesprochen – auf Fremdsozialisation angewiesen. Gott gelangt für das Kind nur im Zusammenhang mit einer bestimmten kommunikativen Praxis zur Sprache. Wesentlich dafür sind die prägenden Personen. Die Inhalte haben einen nachgeordneten Stellenwert. Sozialisationstheoretisch gesehen, kann explizite religiöse Erziehung nur im Kontext gelungener impliziter religiöser Erziehung agieren. Sie basiert auf der impliziten religiösen Erziehung und ist in sie eingebettet. Beides ist also begrifflich zu unterscheiden, darf jedoch nicht voneinander getrennt werden.

Die Differenzierung zwischen impliziter und expliziter religiöser Erziehung verhilft dazu, die Möglichkeiten und Grenzen familialer religiöser Erziehung heute zu benennen, ohne gleich in das Lamento vom Ausfall religiöser Erziehung einstimmen zu müssen.

Die vorangegangenen Überlegungen haben deutlich gemacht, dass die Familie in einzigartiger Weise eine spürbare und erfahrbare Annahme der eigenen Person mit der Explizierung der religiösen Dimension im Reden und Tun verbinden kann. Das ist die große Chance innerhalb der Familie. Aber wird diese Chance auch genutzt? Wie steht es um die religiöse Erziehung in unseren Familien?

Implizite religiöse Erziehung im Sinne einer dem Kind zugewandten Erziehung findet sich in heutigen Familien wesentlich stärker als früher. Der größtenteils anzutreffende kindorientierte Erziehungsstil ist dafür durchaus förderlich. Noch nie waren deshalb für die Mehrheit die Voraussetzungen so günstig, dass sich das Kind als angenommen und erwünscht erleben kann. Noch nie in der Geschichte Deutschlands hat es so viele Eltern gegeben, die sich für ihre Kinder einsetzen und sich in hohem Maße mit Erziehung auseinandersetzen.

Allerdings gibt es auch Hemmnisse, die diese Entwicklung erschweren. So ist damit zu rechnen, dass ca. ein Drittel der Familien dem kindorientierten Erziehungsziel nicht folgt. Zu der Gruppe gehören mehr geschiedene und alleinerziehende Elternteile sowie Mehrelternfamilien, also Mütter und Väter mit neuen Partnern und ggf. deren Kinder. Außerdem zeichnen sie sich durch einen geringeren Sozialstatus aus. Ein weiteres Drittel der Eltern dürfte mit Erziehungsproblemen im Großen und Ganzen recht gut zurechtkommen, hat aber bei einzelnen sich zuspitzenden Konflikten Bedarf an Unterstützung.

Gleichzeitig schränken strukturelle Hindernisse als permanente Bedrohung die Herausbildung von grundlegendem Vertrauen in das Leben ein. Zu erinnern ist hier an den Straßenverkehr oder auch an ökonomische Schwierigkeiten. Ebenfalls hinderlich ist die – besonders in Ostdeutschland – anzutreffende Tendenz, Kinder von vornherein auf Anpassung hin festzulegen.

All das sind Hindernisse, die einer impliziten religiösen Erziehung entgegenstehen oder sie zumindest beeinträchtigen können. Die größten Schwierigkeiten ergeben sich jedoch bei der expliziten religiösen Erziehung. Sie findet in Westdeutschland bei der Mehrheit der Familien als hinweisende Erziehung statt und fällt praktisch bei dem Großteil der ostdeutschen Familien ganz aus. Gleichzeitig mangelt es an religiöser Ausdrucksfähigkeit in denjenigen Familien, die noch ein Verhältnis zu Religion haben.

Dabei stellt die mangelnde außerfamiliale Stützung in Sachen Religion ein gravierendes Hindernis dar. Positive Impulse und Anregungen werden kaum noch von außen gegeben. Die Familien sind in dieser Hinsicht weitgehend auf sich selbst verwiesen. Explizite religiöse Erziehung ist jedoch in starkem Maße von dem Umfeld abhängig, in dem sie geschieht. Die Prägung des gesellschaftlichen Raumes ist von herausragender Bedeutung. Wird es durch ein weitgehend areligiöses Klima bestimmt, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer explizit religiösen Erziehung.

Als Zwischenresümee lässt sich festhalten: Wer die Familie als Lernort des Glaubens stärken will, kommt an der Stärkung der allgemeinen Erziehungskompetenz nicht vorbei. Zudem kann es einem nicht gleichgültig sein, in welchem Kontext Familien agieren. Bei alledem kommt es darauf an, die Explizierung von Religion als Unterstützung deutlich werden zu lassen. Die zentrale Frage lautet deshalb: Was braucht die Familie?

2. Was braucht die Familie?

„Die Familie braucht Hilfe, aber es ist schwer, ihr zu helfen.“[10] Diese prägnante Aussage von Franz-Xaver Kaufmann gilt auch für den Bereich der religiösen Erziehung. Allerdings kann in das Familiensystem nicht direkt eingegriffen werden, weil die Familie relativ autonom agiert. Grundsätzlich wird es also darum gehen müssen, Angebote für Familien so zu profilieren, dass die Wahrscheinlichkeit von deren Inanspruchnahme hoch ist. Eine Garantie allerdings, dass diese Angebote dann auch wirklich genutzt werden, gibt es jedoch nicht.

Die Kölner Erziehungswissenschaftlerin Sigrid Tschöpe-Scheffler hat in Interviews mit Müttern und Vätern erfragt, wie sich Eltern die Unterstützung in ihrem Erziehungsalltag vorstellen. Vier Bereiche stehen dabei auf der Wunschliste von Vätern und Müttern:

  1. Eltern wünschen sich ganz konkrete Hilfen, um sich bei Konflikten mit ihren Kindern im Erziehungsalltag sicherer zu fühlen.
  2. Eltern suchen Informationen über körperliche, psychische und soziale Entwicklung der Kinder, damit sie besser verstehen, was sie brauchen.
  3. Eltern möchten mehr über sich selbst erfahren, über die Ursachen von Konflikten und Problemen im Umgang mit ihren Kindern.
  4. Eltern wünschen sich den Austausch mit anderen Eltern und Erweiterung des sozialen Netzwerks, um Entlastung und praktische Unterstützung zu erhalten.[11]

Die hier benannten Punkte korrespondieren mit den eingangs erhobenen Kriterien, die sich aus der Reflexion zur Familie als Sozialsystem ergeben haben. Grundsätzlich gilt: Familien brauchen Unterstützung bei der Gestaltung von Gemeinschaftlichkeit (Hilfen beim Meistern von Konflikten, Informationen zur Entwicklung der Kinder). Gleichzeitig ist die Individualität der Familienmitglieder zu beachten (Eltern wollen mehr über sich selbst erfahren). Zudem brauchen Familien ein Umfeld, das sie stützt.

Wie die systemtheoretische Familienforschung belegt, gestaltet die Familie als soziales System das Zusammenleben ihrer Mitglieder zwar relativ autonom, ist dabei aber eingebettet in das übergreifende soziale System der Gesellschaft und von den dort erbrachten Leistungen abhängig. Jede Familie hat ihre eigenen Mechanismen, mit denen sie außerfamiliale Einflüsse aufnimmt, zurückweist oder schlicht ignoriert. Das gilt auch in Sachen Religion.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Eltern und Kinder in der Familie für die religiöse Dimension öffnen, steigt aber deutlich an, wenn sie als familienstützend erlebt wird. In der Unterstützungsfunktion liegt deshalb ein grundlegender Faktor auch für die kirchliche Eltern- und Familienarbeit. Zusätzliche Anforderungen an Familien von Seiten der Kirche haben keinen Sinn. Kirchliche Arbeit mit Familien wird vielmehr dann Erfolg haben, wenn sie den christlichen Glauben als hilfreiche Praxis für die Gestaltung des Alltags erfahrbar werden lässt.

Die innerfamilialen Einstellungsmuster sind in ganz starkem Maße außerfamilial bestimmt. Das trifft auch für die Familie als religiöse Sozialisationsinstanz zu. Religiöse Erziehung braucht ein Klima des Wohlwollens. Dazu kann die Kirche Einiges beitragen. Zum einen kann sie heutigen Kleinfamilien einen größeren sozialen Zusammenhang bieten, der es ermöglicht, die Relevanz des Glaubens über alle Lebensphasen hinweg zu veranschaulichen. Dadurch wird die einzelne Familie in einen größeren Kontext gestellt, der die Konzentration auf die eigenen Vollzüge durchbricht. Gleichzeitig werden in der Kirche die grundlegenden Fragen nach dem Sinn des Lebens thematisiert. Vielen Eltern fehlt dafür die Sprachfähigkeit, obwohl sie vom Grundsatz her darum wissen und eine Auseinandersetzung damit durchaus für wichtig und sinnvoll erachten.

Familie braucht Impulse, die die binnenfamilialen Sprach- und Einstellungsmuster erweitern, verstärken oder auch korrigieren. Diese Impulse können jedoch nur unter dem Vorzeichen einer grundsätzlichen Wertschätzung wirksam werden. Wenn die kirchengemeindlichen Angebote nur als zusätzliche Forderung erlebt werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie abgelehnt werden und nicht zur Geltung kommen können. Familie braucht die außerfamiliale Stützung.

Interessant sind an dieser Stelle Überlegungen von Andreas Lange, der die Frage untersucht, wofür Familien und Kinder Zeit brauchen. Er betont, dass Kinder und Eltern „individualitäts- und identitätsstiftende Zeitareale“[12] brauchen, wobei hier den Wochenenden eine besondere Bedeutung zukomme. Dieses bewusste Einräumen von Familienzeit und Kinderzeit ist „keine abgehobene Luxusbeschäftigung“[13]. Kinder brauchen Leitbilder des Arbeitens und Lebens, die nicht nur kognitiv vermittelt, sondern vorgelebt werden. Kinder nehmen ihr Umfeld sehr subtil wahr. Die Kirchen stehen vor der Herausforderung, solche Zeitareale für Familien anzubieten, in denen die Botschaft des Evangeliums als lebensprägend erlebt werden kann.

Kirche sollte versuchen, sich als gutes, d.h. unterstützendes Umfeld von Familie zu profilieren. Elternschaft ist heute deutlich anspruchsvoller geworden als noch vor wenigen Jahrzehnten, da sich die Partner- sowie die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig gewandelt haben. Grundlegende Stichworte sind hier die neuartigen Rollenerwartungen an Mütter und Väter („neue Mütter und Väter“), die veränderte Einstellung gegenüber Kindern („Emanzipation des Kindes“) sowie die Etablierung neuer Leitbilder („verantwortete Elternschaft“, „gelingende Erziehung“). Hinzu kommen gesamtgesellschaftliche Schwierigkeiten. Franz Xaver Kaufmann hat für die moderne Gesellschaft den Begriff der „strukturellen Rücksichtslosigkeit“[14] gegenüber der Familie geprägt. Die Anforderungen, die sich aus der Logik des Arbeitsmarktes ergeben, sind auf den Einzelnen bezogen und nicht auf die Familie. Die institutionellen Vorgaben erleichtern nicht gerade die Paar- und Familienbildung. Das hat Auswirkungen bis in den finanziellen Bereich hinein.

Im Zuge des Ausdifferenzierungsprozesses der letzten 200 Jahre hat Familie viele Funktionen, die ihr früher oblagen, an außerfamiliale Institutionen abgegeben (z.B. die Produktion von Nahrungsmitteln, die Berufsausbildung und z.T. auch die Pflege der Alten und Gebrechlichen). Familie kann und muss sich in einem in der Geschichte bisher undenkbarem Maße um die Pflege des persönlich-intimen Zusammenlebens kümmern. Dies ist Segen und Fluch zugleich. Denn neben der damit zweifelsohne verbundenen Entlastung führt dies jedoch auch zu einer vermehrten Krisenanfälligkeit, weil sich nun alles auf die Gestaltung des emotionalen Binnenraums konzentriert. Familie braucht deshalb einerseits Hilfen zur Bewältigung dieser Aufgabe und andererseits auch Angebote, die diese Emotionalisierung versachlichen, indem der Blick auf größere Zusammenhänge gelenkt wird. Dadurch könnte das gerade in den vielen christlichen Gemeinden vorherrschende Bild der „heilen Familie“ in ein realistisches Licht gerückt werden. Das kann beispielsweise in einem Familiengottesdienst zu alttestamentlichen Familiengeschichten geschehen, wo deutlich wird, dass Gottes Heil auch aus unvollkommenen Familienverhältnissen erwachsen kann.[15]

Als Zwischenresümee lässt sich festhalten: Familie braucht eine entlastende Unterstützung. Eine Erdung des emotionalen Binnenraumes durch Hilfen in der Gestaltung des Erziehungsalltags sowie das Hineinstellen in einen größeren Horizont.

Was bedeutet das für das Verhältnis von Familie und christlicher Gemeinde? Wo können beide unter dieser Prämisse zusammenkommen?

3. Wo kommen Familie und Kirche zusammen?

Leider gibt es keine umfassenden Untersuchungen darüber, was Familien von Kirche erwarten. Insofern bleibt nur der Weg einer indirekten Erhebung der Bedürfnisse über eine Analyse des faktischen Partizipationsverhaltens von Familien an kirchlichen Angeboten. Wir müssen also danach suchen, an welchen Stellen Familien in der Kirche auftauchen, um auf diese Weise herauszubekommen, was Familien wichtig ist und wann Familie und Kirche zumindest nach dem bisherigem Angebotskatalog zusammenkommen.

Eine entsprechende Analyse[16] zeigt, dass bisher Familie und Kirche vor allem dort zusammen kommen, wo mindestens ein Elternteil einer christlichen Kirche angehört und den Kontakt zur Kirche zu halten versucht. Da, wo diese institutionelle Verbindung durch die Kirchenmitgliedschaft unterbrochen wurde oder nie bestand, ist ein Brückenschlag zwischen den beiden Systemen Familie und Kirche deutlich schwieriger. Je größer die Distanz zur Kirche ist, desto unwahrscheinlicher werden christliche Positionen. Das zeigen die Unterschiede zwischen den schon immer Konfessionslosen und den aus der Kirche Ausgetretenen deutlich. Bei den schon immer Konfessionslosen spielt eine kirchlich bzw. christlich geprägte Praxis kaum noch eine Rolle. Vor allem in Ostdeutschland hat sich eine Feierkultur herausgebildet, die gänzlich ohne einen Transzendenzbezug auskommt und von der breiten Masse der Bevölkerung praktiziert und akzeptiert wird (das zeigen die Teilnahmezahlen zur Jugendweihe deutlich).

Grundsätzlich gilt, dass der Einfluss der Kirchen auf die Religiosität in der Familie in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen ist. Er ist zwar immer noch von Bedeutung, doch sind es nicht mehr die Kirchen, die hier die Maßstäbe setzen, sondern die Familien, die in Eigenregie die kirchlichen Angebote nutzen, ihren Bedürfnissen, Interessen und ihrer Autonomie entsprechend.

Familienreligiosität hat einen deutlich pragmatischen Charakter. Sie profiliert sich auf der Grundlage der vorhandenen Familientraditionen und den Anforderungen des Alltags.[17] Das alles geschieht weitgehend unreflektiert. Maßstab kirchlicher Partizipation ist die alltagspraktische und lebensgeschichtliche Relevanz religiöser Angebote. Religiöse Inhalte werden übernommen, soweit sie geeignet erscheinen, die individuelle Lebensausrichtung zu unterstützen. Unter der Familienperspektive ist die Stützung familialer Gemeinschaft von besonderer Bedeutung. Dabei geht es in erster Linie um die Begleitung von lebensgeschichtlich verunsichernden Situationen (an den großen Lebensübergängen wie Geburt und Tod, aber auch an den kleinen wie der Einschulung oder der Konfirmation) und die Stärkung der familialen Interaktion (z.B. beim weihnachtlichen Kirchgang). Die rituelle Dimension spielt hier eine bedeutende Rolle. Dabei finden die öffentlichen Riten, also die gottesdienstlichen Handlungen eine große Akzeptanz. Aber auch das Gebet als Form privater religiöser Praxis ist nicht unwichtig, doch vermeidet hier das Gros der Kirchenmitglieder die äußere Erkennbarkeit. Leider wissen wir nicht, ob das abendliche Gebet im Rahmen des Zu-Bett-Geh-Rituals davon auch in diesem starken Maße betroffen ist. Denn gerade diese Form des abendlichen Betens in der Interaktion zwischen Eltern und Kind hat lebensgeschichtlich eine außerordentlich große Bedeutung.

Religionspädagogisch ist das Zurücktreten erkennbarer Formen religiöser Praxis in der Familie von weitreichender Bedeutung, weil dadurch das religiöse Lernen am Modell im familialen Alltag immer schwieriger wird.

Insgesamt ist eine Tendenz zur Privatisierung zu erkennen. Religion ist „Privatsache“. Der Einzelne formt sich seinen Glauben aufgrund seiner persönlichen Bedürfnisse und lebensgeschichtlichen Vorgaben, die zum großen Teil familial bestimmt sind. Dies alles geschieht weniger auf der intellektuellen Ebene, also in bewusster reflexiver Auseinandersetzung, sondern unbewusst emotional. Festgemacht wird das oft an Vorbildern aus dem Familienkreis (Mutter, Vater, Großeltern).

Dem Gros der Familien mit einem oder beiden christlichen Elternteilen geht es im Zusammenhang mit kirchlicher Religiosität um einen „Lebensrahmen für Weltorientierung, Handlungsleitung und Schicksalsbewältigung“[18], der kirchenjahreszyklisch und lebenszyklisch ausgerichtet ist. Dabei hat sich die Rahmenfunktion der Kirche sowohl für die Gesellschaft als Ganzes wie für den Einzelnen stark abgeschwächt.

Unter Familienperspektive lassen sich zwei Hauptperioden aufzeigen, in denen der Mensch in entscheidender Weise in seinem Verhältnis zur Religiosität der christlichen Gemeinde geprägt wird: als Kind in der Herkunftsfamilie und als Elternteil in der eigenen Familie. Beide Phasen sind durch eine besondere Offenheit und die Bereitschaft zur Veränderung geprägt. In Westdeutschland ist für beide Phasen in der überwiegenden Zahl der Familien mit Kontakten zur Kirche vor allem über die Kasualien zu rechnen. In Ostdeutschland dagegen sind die Berührungsflächen zwischen Kirche und Familie wesentlich kleiner, weil Kirchlichkeit nur noch für eine Minderheit dazugehört und auch kein gesellschaftlicher Anreiz (im Sinne einer Mehrheitsorientierung) besteht, die eigene Biographie und das kirchliche Ritenangebot miteinander zu verbinden. Berührungspunkte zwischen Familie und Gemeinde gibt es dann nur noch – wenn überhaupt – sehr selten. Zu nennen sind hier kirchliche Kindergärten, Einschulungsgottesdienste sowie sozialraumorientierte Angebote wie eine offene Kinder- und Jugendarbeit.

Als Zwischenresümee bleibt festzuhalten: Traditionelle Berührungspunkte sind primär rituell bestimmt und jahreszyklisch und lebensgeschichtlich orientiert (Weihnachten, Taufe, Konfirmation). Eine besondere Offenheit für religiöse Fragestellungen zeigt sich im Kindesalter sowie in der Erfahrung des Elternseins, also bei Eltern mit kleinen Kindern. Darüber hinaus spielen kirchliche Angebote zur Kinderbetreuung eine Rolle.

4. Wie sollte sich eine familienorientierte Gemeinde profilieren?

Der Familie kommt eine große Bedeutung bei der religiösen Entwicklung zu. Einerseits gilt sie als unwillkürliches Deutungsmuster. Das gilt auch in Glaubensfragen, wenn beispielsweise in der Anrede Gottes als „Vater“ Erinnerungen und Erlebnisse aus der eigenen Familiengeschichte auftauchen. Andererseits erhält ein Mensch hier die früheste und nachhaltigste Prägung seiner Persönlichkeit. Auch das trifft ebenso auf die Religiosität zu. So belegen beispielsweise Kirchenbesucherzählungen, dass die in Kindheit und Jugend ausgeprägten Beteiligungsmuster weitgehend stabil bleiben.

Interessant ist, dass fast alle Menschen, die im Rahmen der dritten EKD-Mitgliedschaftsumfrage interviewt wurden, auf die bewusst offen gehaltene Erzählaufforderung nach Kirche, Glaube, Christentum und Religion mit einer Erinnerung an emotional bedeutsame Erfahrungen damit in ihren Herkunftsfamilien antworteten. Sie klopfen gleichsam ihre Biografie ab und suchen nach Erlebnissen, die sie damit in Verbindung bringen können. Religion wird also nicht inhaltsbezogen und auch nicht abgehoben von Lebensvollzügen, sondern von der Lebensgeschichte her beschrieben. Fragen nach Kirche und Glauben, nach Christentum und Religion erlangen erst in der lebensgeschichtlichen Verankerung eine persönliche Bedeutung.

Diese Befunde sollte gemeindliche Arbeit nicht unbeachtet lassen. Notwendig ist ein Perspektivwechsel: Familie darf nicht länger nur als Leistungsträger verstanden werden, der bestimmte Voraussetzungen für weitere Lernprozesse zu gewährleisten hat. Religion hat sich als Lebenspraxis zu beweisen, die hilfreich bei der Gestaltung des Familienlebens ist.

Unter dieser Prämisse sollten drei Punkte beachtet werden.[19]

4.1 Den Blick weiten auf die erzieherische Kompetenz von Eltern

Die Eltern-Kind-Beziehung ist grundlegend für die Herausbildung und Profilierung des Gottesbegriffes. Deshalb sollte eine christliche Eltern- und Familienarbeit ihr Augenmerk von vornherein auf die Stärkung und ausgewogene Gestaltung dieser Beziehung legen. Die familiale Herkunft bestimmt in Deutschland stark über Bildungschancen und Lebensperspektiven. Evangelische Arbeit mit Familien darf dieser Befund auch auf kirchengemeindlicher Ebene nicht gleichgültig sein.

Familiales Leben ist als eigenständiger Wert zu respektieren und zu würdigen. Vorwiegend in der Familie werden Selbstwertgefühl, eine positiven Lebenseinstellung und soziales Verhalten ausgebildet, um nur einiges zu nennen. All das ist grundlegend für die Ausübung von Religion. Deshalb gehört die Stärkung der erzieherischen Kompetenz von Eltern untrennbar zu einer christlichen Eltern- und Familienarbeit. Allerdings ist sie durchaus eigenständig zu profilieren, indem sie dabei die Explizierung des christlichen Glaubens im Blick hat.

4.2 Die religiöse Kompetenz von Eltern und Großeltern fördern

Religiöse Erziehung ist ohne die erlebbare Gestaltung des Glaubens nicht möglich. Kinder brauchen in ihrem Nahumfeld vertraute Bezugspersonen, von denen sie Glaubenshaltungen lernen können.

Es reicht also nicht aus, nur Modelle für Kinder zu entwickeln, ohne dabei den Eltern eigens Aufmerksamkeit zu widmen. Einzubeziehen sind hier auch die Großeltern. Sie spielen für ihre Enkel eine große Rolle und begleiten sie durch die steigende Lebenserwartung immer länger auf ihrem Lebensweg.

Religiöse Erziehung ist für Eltern und Großeltern mit Herausforderungen verbunden. Sie kann verunsichern, wenn (bisher vielleicht verdrängte) Fragestellungen ans Licht kommen, auf die man keine Antwort parat hat. Gleichzeitig aber kann sie auch als zusätzliche Belastung erlebt werden, wenn nun religiöse Praktiken (wie das Gebet) aufgenommen werden sollen, die vorher keine Rolle spielten.

Gemeindliche Eltern- und Familienarbeit sollte hier Hilfestellungen zur Explizierung des eigenen Glaubens bieten, wo innerfamiliäre Ressourcen aufgenommen werden und Eltern wie Großeltern Formen religiöser Erziehung finden können, die ihnen angemessen sind.

Notwendig sind dafür Kommunikationsräume, in denen es möglich ist, eigene Erfahrungen mit Kirche, Glaube und Religion zur Sprache zu bringen.

Dabei sind geschlechtsspezifische Unterschiede zu beachten. Frauen entwickeln eher eine gemeinschaftsbezogene Religiosität, während Männer hier oft Distanz wahren. Für sie sind tendenziell eher Aktionen von Bedeutung.

Doch grundsätzlich gilt: Religiöse Kompetenz in Erziehungsfragen und eigene Religiosität hängen aufs engste zusammen. Eltern und Großeltern brauchen keine Belehrung, sondern Impulse, die sie in ihrem Suchen und Fragen weiterführen, stärken und begleiten.

4.3 Familienunterstützende Angebote an anderen Lernorten profilieren

Für die Ausbildung von Familienreligiosität ist das Umfeld von herausragender Bedeutung. Begegnen Kinder (und Eltern) auch außerfamilial der religiösen Dimension steigt die Wahrscheinlichkeit einer verstärkten Familienreligiosität.

Fehlen stützende außerfamiliale Impulse steht der Explizierung des Gottesglaubens in der Familie die faktische Abwesenheit Gottes in den anderen Sozialisationsinstanzen (Kindergarten, Schule, Peergroup) gegenüber. Das zwingt zu Vermittlungsleistungen, bei denen die Glaubensentwicklung oft behindert wird.

Die große Mehrzahl der Familien ist auf die außerfamiliale Explizierung von Religion in besonderer Weise angewiesen. Deshalb reicht es nicht, wenn gemeindliche Eltern- und Familienarbeit nur den eigenen Lernort im Blick hat. Hier ist die Perspektive zu ändern. Es sollte gesucht werden, wo an den anderen Lernorten (wie Kindergarten, Schule, Peergroup) eigene Angebote eingebracht werden können, die Familien in ihrer impliziten und expliziten religiösen Erziehung stützen.[20]

Dabei kommt dem Kindergarten eine besondere Bedeutung zu, da Eltern diesem Lernort in der Regel eine besondere Aufmerksamkeit schenken, weil ihr Kind hier zum ersten Mal intensiv von außerfamilialen Bezugspersonen betreut wird. Dadurch ergibt sich eine enge Verknüpfung mit der Familie und damit eine der seltenen Gelegenheiten, mit dem Elternhaus in Kontakt zu kommen.

5. Welche Kirche braucht die Familie?

Welche Kirche braucht die Familie? Diese Frage kann nicht ein für allemal beantwortet werden, weil die Bedürfnisse der einzelnen Familien unterschiedlich sind. Aber die genannten Punkte bieten einen Orientierungsrahmen, der für die Profilierung der gemeindlichen Arbeit vor Ort beachtet werden sollte.

Im Zusammentreffen der beiden Systeme Familie und Kirche ergibt sich ein Spielraum, der unterschiedlich genutzt werden kann, je nachdem welche Familien sich im Umfeld der Gemeinde finden. Eltern- und Familienarbeit kann einerseits eher auf die Kirchengemeinde bezogen sein. Ziel ist es, die religiöse Kompetenz zu stärken und den christlichen Glauben als familienstützendes Element deutlich werden zu lassen. Andererseits kann der Schwerpunkt aber auch auf der Familie liegen. Einer sozialraumorientierten Eltern- und Familienarbeit wird es primär darum gehen, die erzieherische Kompetenz der Eltern zu stärken und das familiale Miteinander positiv zu gestalten und zu beeinflussen. Beide Zweige einer christlichen Eltern- und Familienarbeit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern sind komplementär zu sehen.

Familienorientierung ist keine Zusatzdimension gemeindlicher Arbeit, die wir uns auch noch leisten können, wenn alles andere gut klappt. Im Gegenteil, sie ist eine grundlegende Dimension. Wenn man sich die Ergebnisse der vierten Mitgliedschaftsumfrage der EKD anschaut, stellen sich viele Herausforderungen und offene Fragen. Eines jedoch ist evident: „In der Stärkung der Familie und der religiösen Prägung des Familienlebens liegt ein wesentlicher Anknüpfungspunkt für die Verbesserung der Wirkungsmöglichkeiten der evangelischen Kirchen in Deutschland. Das zeigen die Daten mit schlagender Deutlichkeit.“[21]

Familienorientierung bedeutet dabei nicht zwangsläufig, neue Arbeitsfelder zu schaffen und viel Geld in die Hand nehmen zu müssen. Auch wenn dies eine wirkungskräftige Familienarbeit sehr befördern kann, lassen sich auch bei knappen Ressourcen die hier markierten Punkte in Angriff nehmen. An einem Beispiel will ich das kurz erläutern. Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD hat eine Analyse zum Taufverhalten der evangelischen Bevölkerung vorgelegt. Dabei stellte man fest, dass Kinder von evangelischen Müttern, die nicht verheiratet sind, überwiegend nicht getauft werden, obwohl diese Mütter ein großes Interesse an der Taufe haben. Bei der Befragung ergab sich, dass sich in der Gruppe der Alleinerziehenden „die größte Intensität der gelebten Religiosität in der Mutter-Kind-Beziehung“ findet. „Die Taufe hat hier deswegen diese hohe Bedeutung, weil sie noch deutlicher als in anderen familiären oder sonstigen Zusammenhängen Schutz, Sicherheit, Wegbegleitung und Führung bedeutet, und sich in ihr so in gewisser Hinsicht auch die Vorstellung von einer ‚richtigen Familie’ und einer ‚heilen Welt’, zu der man so nicht dazugehört, versinnbildlicht. Entsprechend wird hier auch weitergehend über die Bedeutung der Taufe als Aufnahme in die christliche Gemeinschaft und im Blick auf Schutz, Sicherheit und Orientierung reflektiert.“[22] Wir haben hier also die paradoxe Situation, dass diejenige Gruppe, die besonders hohe Erwartungen an die Taufe hat, ihre Kinder nicht taufen lässt, weil man „von den vorhandenen Möglichkeiten sozusagen schon in Wahrnehmung vorab schneller enttäuscht“ ist. „Man kann eben nicht eine richtige Familie vorweisen und kann sich deswegen nur schwer vorstellen, ‚da so alleine vor der Gemeinde’ zu stehen – auch wenn man die Taufe gerne vollziehen würde“[23]. Dieser Befund illustriert, dass eine christliche Familienorientierung sich nicht am Wunschbild einer wie auch immer gearteten „heilen Familie“ aufhalten darf, sondern die vorfindlichen Familienkonstellationen aufzunehmen hat. Für Alleinerziehende könnte das beispielsweise bedeuten, dass eine Taufe außerhalb des sonntäglichen Gottesdienstes in anderen, geschützteren öffentlichen Formen gesucht wird, z.B. innerhalb des Kindergottesdienstes mit Beteiligten ihrer Krabbelgruppe oder im Kindergarten.[24]

Familienorientierung heißt nicht Vergötterung der Familie. Es heißt ein Ernstnehmen der Bedeutung familialer Beziehungen für den Einzelnen. Familie ist eine überaus stark prägende Sozialisationsinstanz. Sie bildet einen unwillkürlichen Deutungsrahmen, und das nicht nur in der Kindheits- und Elternphase, sondern ein ganzes Leben lang.

Welche Kirche braucht Familie? Familie braucht eine Kirche, die genau dies beachtet und konstruktiv aufnimmt. „Eine wesentliche Grundvoraussetzung von Erziehung ist es, in Beziehungen zu leben, die ‚gut tun’.“[25], sagte Sigrid Tschöpe-Scheffler mit Blick auf die Frage einer „richtigen“ Erziehung. In der Ermöglichung wohltuender Beziehungen sehe ich denn auch eine besondere Aufgabe von Kirche. In dieser Aufgabe wäre sie ganz bei ihrer Sache. Denn Glauben wird personal übertragen.[26] Ohne die Erfahrung solcher wohltuender Beziehungen wird auch die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes die Menschen nicht erreichen, die sie besonders nötig haben.

Prof. Dr. Michael Domsgen, Evangelische Religionspädagogik, Theologische Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 06099 Halle/Saale.



[1] Vortrag auf der Fachtagung „Welche Familie braucht die Kirche? - Welche Kirche braucht die Familie?“ in Güstrow am 18.04.07.

[2] Vgl. Rosemarie Nave-Herz, Familie heute. Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung, Darmstadt 22002, 16.

[3] Klaus A. Schneewind, Familienentwicklung, in: Rolf Oerter, Leo Montada (Hg.) Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch, 31995, 128-166, 164.

[4] A.a.O., 165.

[5] Ebd.

[6] Vgl. L.C. Wynne, Die Epigenese von Erziehungssystemen. Ein Modell zum Verständnis familiärer Entwicklung, in: Familiendynamik 10 (1985), 112-146, 131f., hier zit.n. Schneewind 165.

[7] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Statistisches Bundesamt (Hg.), Wo bleibt die Zeit? Die Zeitverwendung der Bevölkerung in Deutschland 2001/02, o.O. 2003, 28.

[8] Vgl. dazu auch: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.), Potenziale erschließen. Familienatlas 2005, Berlin 2005.

[9] Zur Differenzierung vgl. Günter R. Schmidt, Religionspädagogik, Ethos, Religiosität, Glauben in Sozialisation und Erziehung, Göttingen 1993, 131f.

[10] Franz-Xaver Kaufmann, Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und politische Bedingungen, München 1995, 164.

[11] Vgl. Klaus Hurrelmann, Warum wir Elternschulen und Familienzentren brauchen, in: Albert Biesinger, Friedrich Schweitzer (Hg.), Bündnis für Erziehung. Unsere Verantwortung für gemeinsame Werte, Freiburg, Basel, Wien 2006, 103-110, 105f. Hurrelmann bezieht sich hier auf: Sigrid Tschöpe-Scheffler, Was Eltern wollen und was sie brauchen – eine Befragung von 350 Eltern, unveröffentlichtes Manuskript, Köln 2005.

[12] Andreas Lange, Arbeits- und Familienzeiten aus Kinderperspektive, in: Hans Bertram, Helga Krüger, C. Katharina Spieß (Hg.), Wem gehört die Familie der Zukunft? Expertisen zum 7. Familienbericht der Bundesregierung, Opladen 2006, 125-143, 140.

[13] A.a.O., 139.

[14] Franz Xaver Kaufmann, Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und Politische Bedingungen, München 1995, 174 (im Original kursiv).

[15] Vgl. Michael Domsgen, Familie und Gemeinde. Erste Überlegungen zu einer angemessenen Bestimmung ihres Verhältnisses in der Kybernetik, in: Pastoraltheologie 95 (2006), H. 4, 160-171, 165f.

[16] Vgl. Michael Domsgen, Familie und Religion. Grundlagen einer religionspädagogischen Theorie der Familie, Leipzig 22006, 112-192.

[17] Vgl. Ulrich Schwab, Familienreligiosität. Religiöse Traditionen im Prozeß der Generationen, Stuttgart, Berlin, Köln 1995.

[18] Kirchenamt der EKD (Hg.), Kirche, Horizont und Lebensrahmen. Weltsichten, Kirchenbindung, Lebensstile. Vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2003, 7.

[19] Vgl. Michael Domsgen, Eltern- und Familienarbeit, in: Matthias Spenn, Doris Beneke, Frieder Harz, Friedrich Schweitzer (Hg.), Handbuch Arbeit mit Kindern – Evangelische Perspektiven, Gütersloh 2007, 245-252, 249f.

[20] Zu beachten ist dabei, dass jeder Lernort seine Spezifik hat. Unter der Perspektive des Lernens lässt sich grob verallgemeinernd festhalten: In der Familie wird in erster Linie beziehungsorientiert gelernt, in den Medien unterhaltungsorientiert, in der Schule sequenziell-begrifflich und in der Gemeinde punktuell-rituell. Der Kindergarten bildet eine Zwischenstufe zwischen beziehungsorientiertem und erstem sequenziell-begrifflichem Lernen. Er ist einerseits eng mit der Familie verknüpft und andererseits eine der Schule zugeordnete Institution. Vgl. Michael Domsgen, Plädoyer für eine systemische Religionspädagogik, in: IJPT 11 (2007), H.1 (erscheint demnächst).

[21] Detlef Pollack, Kommentar: Was tun? Ein paar Vorschläge trotz unübersichtlicher Lage, in: Wolfgang Huber, Johannes Friedrich, Peter Steinacker (Hg.), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2006, 129-133, 133.

[22] Sozialwissenschaftliches Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland, Analysen zum Taufverhalten der evangelischen Bevölkerung in Deutschland, Hannover 2006, 8.

[23] A.a.O., 9.

[24] Vgl. Kristian Fechtner, Lutz Friedrichs, Taufe und Taufpraxis heute, Praktisch-theologische Anmerkungen im Anschluss an die Studie: „Kein Anlass zur Dramatik – aber Verbesserungsbedarf“ des Sozialwissenschaftlichen Institutes der EKD o.O. masch. 2006.

[25] Sigrid Schöpe-Scheffler, Elternermutigungen statt Elternschelte, in: dies. (Hg.), Perfekte Eltern und „funktionierende“ Erziehung. Vom Mythos der „richtigen“ Erziehung, Opladen 22006, 13-30, 21.

[26] Vgl. Karl Ernst Nipkow, Erwachsenwerden ohne Gott. Gotteserfahrung im Lebenslauf, München 1987, 76.


Zwischen Autonomie und Angewiesenheit
Herausforderungen für die Familienpolitik aus evangelischer Perspektive

Vortrag Cornelia Coenen - Marx, Kiel September 2012

Mobiles Paar, verpasstes Familienleben?

Die Philosophin Hanna Arendt hat die modernen, westlichen Gesellschaften als Arbeitsgesellschaften bezeichnet. An der Arbeit hängt die Subsistenz des Einzelnen, an der Arbeit hängen auch unsere Sozialversicherungen. Arbeitsfähig zu bleiben, die eigene Arbeitskraft gut verkaufen können, ist deshalb ein wesentliches Ziel „Emploayability“ heißt das neue Zauberwort in Europa. Die amerikanische Zeitschrift Time-Magazin hat in ihrer März-Ausgabe 10 Trends,  die unser Leben verändern. Trends wie die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, das Verschwinden der Privatsphäre und vor allem das Single-Dasein. 28% aller US-Haushalte sind heute Single-Haushalte, verglichen mit 9% in den 50er Jahren - ein enormer Anstieg. In Schweden sind es übrigens 47 Prozent, in Großbritannien 34, in Japan 31 Prozent – aber in Kenia nach wie vor nur 15, in Indien sogar nur 3 Prozent. Der Autor, der Soziologieprofessor Eric Klinenberg, kommt in seinem Artikel zu dem Ergebnis, dass Alleinleben der beste Weg ist, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle.

Auch wenn die Junggesellenabschiede heute größer gefeiert werden als je – allein zu leben, ist längst kein Durchgangsstadium mehr. Und auch wenn „ Fräulein“ neuerdings wieder ein Zeitschriftentitel ist - die alte Jungfer ist Vergangenheit. Single zu sein, ist eine Lebensform - genauso wie Alleinerziehend zu sein. Von vielen frei gewählt oder in Übergangsphasen bewusst gestaltet. Auch viele Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gründen über lange Zeit getrennt leben und die eigenen Spielräume neu ausloten. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren ist betroffen - und für viele ist das der selbstverständliche Preis für berufliche Mobilität und Karriere. Sie leben die dominierenden Werte unserer Gesellschaft: Autonomie, Selbstoptimierung und Anpassung an den Markt.  Die jungen Frauen, die in Deutschland oder Polen mit der Arbeit von Ost nach West gezogen sind, die Familienväter, die montags bis freitags unterwegs sind, gehen den Märkten nach. Zurück bleiben die Alten und oft genug die Kinder. „ Fernliebe und Familienglück- ein Widerspruch?“, fragt Alexandra Berger in ihrem Buch: „ Liebe aus dem Koffer“. Ich habe es gekauft, als wir selbst einige Jahre lang aus beruflichen Gründen eine Pendler-Ehe führten. Treffend nennt Alexandra Berger darin die Lebensformen der Mobilen beim Namen: „ Weiblich, mobil, kinderlos“, „ Männlich, mobil, Kinder- ein Lebensmodell auf Kosten der Frau“ – und „Mobiles Paar, verpasstes Familienleben.“

So wichtig das Streben nach Emanzipation und Eigenständigkeit ist – es ist zugleich von einer anderen Grunderfahrung  getragen und umrahmt: Wir sind Beziehungswesen – oder, um es mit Plessner zu sagen: „Wir sind in das Glück der anderen hineingeboren.“ Wir wachsen in Abhängigkeit, in asymmetrischen Beziehungen auf und  wir bleiben auf andere angewiesen, wenn wir als Erwachsene in Arbeitsbeziehungen kooperieren oder in Krankheit und Pflegebedürftigkeit Hilfe brauchen. Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird davon erzählt: „Es ist nicht gut, wenn  der Mensch allein ist“. Er braucht jemanden, der ihn versteht und seine Sprache spricht, er ist auf ein Gegenüber angewiesen, einen Menschen auf Augenhöhe, der spannungsreich anders, aber doch ebenbürtig ist. Im Glück sexueller Begegnung „erkennen“ wir unseren Partner, unsere Partnerin als „Fleisch von meinem Fleisch“, in der körperlichen Hingabe erleben wir  ein Angewiesensein jenseits von Hilfebedürftigkeit. Die Erfahrung einer Ergänzung, die uns gerade nicht unfrei macht, sondern viel von dem frei setzt, was unsere Person ausmacht. Wir sind Beziehungswesen. In der Auseinandersetzung mit Eltern und Geschwistern und der Liebe zu einem Partner oder einer Partnerin finden und entwickeln wir unsere eigene Identität, erst in der Erfahrung der eigenen Unvollkommenheit und Angewiesenheit reifen wir zu erwachsenen Menschen, die dann auch bereit sind, Verantwortung für die nächste Generation zu übernehmen.

 

Die Ad-hoc-Kommission der EKD

Vor drei Jahren hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland eine Ad-hoc-Kommission berufen, die kirchliche Empfehlungen für die aktuellen familienpolitischen Herausforderungen erarbeiten sollte. Die Kommission unter Leitung der ehemaligen Familienministerin Dr. Christine Bergmann bekam den Auftrag, sich mit der offensichtlichen Spannung zwischen dem Wunsch nach stabilen Ehen und Familien einerseits und der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit hohen Scheidungsrate und einer großen Zahl Alleinlebender und Alleinerziehender andererseits auseinander zu setzen und angesichts der sozialpolitischen Rahmenbedingungen  über die Bedeutung von Partnerschaft und Ehe für die Sorgearbeit nachzudenken. Von Anfang an hat die Kommission ihre Arbeit in der Spannung von Autonomie und Angewiesenheit gedacht.

Dabei standen uns die wesentlichen Veränderungsprozesse und Herausforderungen vor Augen, die Familien heute kennzeichnen.  Drei greife ich heraus - und gleich die erste hat mit dem Thema Zeit zu tun.

Die Zeit für Familiengründung ist knapp: Lange Ausbildungszeiten und schwierige Berufseinstiege haben zur Folge, dass die Geburt von Kindern im Lebenslauf immer weiter hinausgeschoben wird: Das Durchschnittsalter der Erstgebärenden liegt gegenwärtig bei 29 Jahren (Ostdeutschland: 27 Jahre), 60% der Kinder werden von Müttern zwischen 26-35 geboren (Statistisches Bundesamt 2012: 9f.). Und – auch daran sei hier erinnert- ein nicht kleiner Teil der betroffenen Frauen leiden darunter, dass ihr Kinderwunsch sich nicht, wie geplant erfüllt, weil die Zeit knapp geworden ist, weil sie den richtigen Partner nicht gefunden haben.  Reproduktionsmedizin spielt bei der Familienplanung eine immer größere Rolle. Ein Drittel aller Kinder werden zudem nicht ehelich geboren. Das sind doppelt so viele, wie noch vor zwanzig Jahren. Hier besteht allerdings ein markanter deutsch - deutscher Unterschied: Im Westen sind es nämlich nur 27% der Kinder, im Osten 61%. Auch wenn Hochzeiten groß gefeiert werden: die Attraktivität der Ehe sinkt und dem entspricht auch ein Rückgang kirchlicher Eheschließungen. Die Zahl der Trauungen mit Taufen, der so genannten Traufen allerdings steigt: denn die ist Ehe zunehmend nicht mehr Voraussetzung, sondern Folge gemeinsamer Kinder.

Dabei nimmt die Vielfalt des Familienlebens zu. Der Anteil Alleinerziehender (19 %) und nichtehelicher Lebensgemeinschaften (knapp 9 %) ist deutlich angestiegen - auch hier zeigt sich allerdings ein großer Unterschied zwischen Ost und West. In Ostdeutschland machen verheiratete Familien nur noch knapp die Hälfte aus, während jede vierte Familie eine Ein - Eltern-Familie ist und jede fünfte auf Grundlage einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft beruht. Rund 11.500 Kinder. die meist aus früheren heterosexuellen Partnerschaften stammen, wachsen zudem in Regenbogenfamilien auf. Zwar sind noch 72 Prozent der Familien Ehepaare mit Kindern (BMFSFJ 2012: 22), aber Familien auf Ehebasis sind zunehmend Patchwork-Konstellationen. Familie ist nicht mehr die vielbeschworene „Gemeinschaft des Blutes“, sie ist nicht einfach Schicksalsgemeinschaft, sondern mehr und mehr auf Entscheidungen füreinander gegründet; sie braucht deshalb bewusste Arbeit an einer gemeinsamen Identität und Kultur und Zeit für vielfältige Kontakte - zu Hause, aber auch mit Elternteilen und Verwandten, die an anderen Orten wohnen. Ein Projekt wie „ Mein Vati kommt“, mit dem Besuche von Vätern bei ihren Kindern unterstützt werden, zeigt, dass es dabei nicht nur um Zeit geht, sondern auch um Geld.

Dabei wächst die gesellschaftliche und ökonomische Spreizung - nicht nur deshalb, weil sich die sozialen Milieus in Deutschland in hohem Maße auseinander entwickeln. Auffällig ist die Polarisierung sozialer Lebenslagen zwischen Ein - und Zwei - Verdiener Haushalten, vor allem aber zwischen denen, die für Kinder sorgen und denen, die keine Kinder zu versorgen haben. Familienarbeit wird finanziell nur honoriert, wenn sie ehebasiert ist. Auch deshalb sind Alleinerziehende, die kaum in Vollzeit arbeiten könne, überdurchschnittlich häufig von Einkommensarmut betroffen. :Mit einem Kind sind sie zu 46%, mit zwei und mehr Kindern sogar zu 62% armutsgefährdet. In Paarhaushalten liegt die Armutsrisikoquote dagegen je nach Kinderzahl zwischen 7 und 22 %. Kinder, die in diesen Familien groß werden, erfahren häufig Ausgrenzung - in ihren Familien häufen sich die Unterversorgungslagen, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch, was Gesundheit und Bildung angeht..Der Streit um Betreuungsgeld und Krippenplätze, dreht sich nicht zuletzt um die Frage, was nötig ist, um die Chancen dieser Kinder zu verbessern.

 

Die Zahl der Kinderkrippen, Kindergärten und Schulhorte ist in Deutschland Ost und West ähnlich unterschiedlich wie die Situation von Ehe und Familie. Hier zeigt sich der deutliche Zusammenhang von Familienpolitiken und gesellschaftlicher Entwicklung. Die Gleichberechtigung in der Erwerbsarbeit, die sich die Frauenbewegung im Westen seit Ende der 60er Jahren auf die Fahnen geschrieben hatte, galt lange Zeit als „eine der größten Errungenschaften“ der DDR und wurde seit den 1970er Jahren durch ein ganzes Bündel sozialpolitischer Maßnahmen mit Hilfen für Mutter und Kinder wie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestützt. Damit sollte sowohl der ‚Wille zum Kind’ gestärkt werden; es ging aber auch um die Rekrutierung von Frauen für den Arbeitsmarkt. Und tatsächlich lag die Frauenerwerbsbeteiligung 1989 bei fast 90 Prozent im Gegensatz zu 55 Prozent in Westdeutschland. Entgegen der politischen Zielsetzung blieb aber Familie Privatsphäre, ein Schutzraum,  in dem sich individuelle Initiativen entwickeln konnten. Nicht nur die Leitbilder der Familienpolitik, sondern auch die Frage, in welchem Maße solche Leitbilder überhaupt eine Rolle spielen dürfen, sind bis heute strittig. Gerade die Vielfalt des Familienlebens ist ein starkes Argument für individuelle Gestaltungsfreiheit - doch braucht auch Wahlfreiheit eine politische Rahmensetzung und Infrastruktur, die sie ermöglicht. Das will die Familienkommission der EKD stark machen.

 

Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken

Familie ist, wo Kinder sind“, heißt die politische Formel, mit der die Vielfalt der Familienformen in einem neuen Leitbild zusammengefasst wird. Dieser so genannte erweiterte Familienbegriff ist aber angesichts des demographischen Wandels unvollständig: Familie ist nämlich überall dort, wo private Sorgearbeit geleistet und Zusammenhalt zwischen den Generationen gestaltet wird - das gilt auch für erwachsene Kinder mit ihren pflegebedürftigen Eltern. Die allermeisten Menschen sehnen sich nach einem solchen Raum der Geborgenheit, der wechselseitigen Fürsorge und Entlastung, nach einem Ort der Liebe und Freundschaft. Gleichwohl zerbrechen Familien an äußerer und innerer Überforderung. Wenn alle erwachsenen Erwerbstätigen - Frauen wie Männer, unabhängig von ihren familialen Verpflichtungen - dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen sollen, wie es sowohl im SGB II als auch im Unterhaltsrecht voraus gesetzt wird, dann brauchen Familien mehr Unterstützung bei Erziehung und Bildung, bei der Pflege und in Krisensituationen. Sie brauchen Unternehmen, die der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hohe Priorität einräumen, Ganztagsangebote in der Bildung und soziale Dienste, die  partnerschaftlich mit ihnen zusammen arbeiten. Familienpolitik betrifft alle Ressorts - Arbeitsmarkt wie Gesundheitssystem, Bildung wie Altenhilfe und ist damit vom frauenpolitischen Sonderthema zu einer zentralen Querschnittsaufgabe geworden.

Familien können ihre Leistungen in Erziehung und Bildung, Pflege und Reproduktion nur erbringen, wenn die unbezahlte und unter bestimmten Aspekten auch unbezahlbare private Sorgearbeit gesellschaftlich honoriert wird. Die Funktionsfähigkeit unseres Sozialstaats beruht nämlich nicht nur auf den Leistungen der Sozialversicherung, die aus Erwerbsarbeit finanziert werden, sondern weit mehr auf der alltägliche Haus- und Erziehungsarbeit, die als Arbeit der Mütter lange unsichtbar blieb und in der ökonomisierten Gesellschaft zunehmend abgewertet wurde. Zunächst auf dem Hintergrund einer traditionellen Familienverfassung mit geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung, dann durch die Dynamik einer berufsorientierten Emanzipationsbewegung, die die Zwänge der bürgerlichen Familie thematisierte und auflöste. Am Ende dieser Entwicklung steht die Frage nach einer Aufwertung der familiären und professionellen Care-Arbeit, die nach wie vor von Frauen geleistet wird. Die notwendige Professionalisierung dieser Aufgaben setzt eine Bezahlung von Erziehungs- und Pflegearbeit voraus, die die Berufe auch für Männer attraktiv macht .Eine vollständige Delegation der Carearbeit an Dienstleister   ist allerdings kaum denkbar. Weil die notwendigen Fachkräfte fehlen, weil die Finanzierung einer solchen Infrastruktur eine erhebliche gesellschaftliche Umverteilung zur Folge hätte, vor allem aber, weil es bei den Care-Aufgaben um mehr als um bezahlbare Dienstleistungen geht.

Sorgende und fürsorgliche Tätigkeiten in der Familie sind Arbeit; sie unterscheiden sich aber ihren Anforderungen und ihrer Qualität grundlegend von Lohnarbeit. Ihr Ziel ist nicht die Herstellung eines Produkts, sondern das für andere Da - sein und Zeit haben, das Sich - Kümmern um das Wohlergehen eines/r anderen, um die Reproduktion des Lebens. Im Unterschied zu Erwerbsarbeit geht es dabei nicht um die Einsparung von Zeit und Effizienzsteigerung. Es geht nicht nur um ein gutes Zeitmanagement mit Quality-Time für die Kinder. Es geht um die Grundbedingungen ‚guten Lebens’, die unentbehrlich sind für die Solidarität innerhalb der Familien, für das gedeihliche Aufwachsen von Kindern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Nicht nur Gleichberechtigung und Individualisierung, sondern auch weltweite Transformationsprozesse in Wirtschaft und Arbeitsmarkt mit der Deregulierung und Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, wachsender Mobilität und zunehmender Prekarisierung von Erwerbsarbeit haben die bisherigen Familien - und Versorgungsarrangements verändert. Das in Westdeutschland lange Zeit „normale“ männliche Versorger - und Ernährermodell ist brüchig geworden. Immer mehr Mütter sind die Hauptverdiener in den Familien. Und in einem Drittel der Familienhaushalte erwirtschaften Mütter und Väter schon zu gleichen Anteilen das Familieneinkommen. Trotzdem stellen viele Frauen ihre beruflichen Ambitionen zurück, sobald Kinder geboren werden. Auch Paare mit anfangs partnerschaftlicher Rollenteilung geben diese spätestens mit der Geburt des zweiten Kindes zugunsten traditioneller Formen auf. Frauen übernehmen den Hauptteil der Familien- und Hausarbeit.  Ausschlaggebend  sind neben den fehlenden Betreuungseinrichtungen nicht zuletzt die nach wie vor unterschiedlichen Einkommen von Männern und Frauen. Diese Praxis steht in Spannung zum Leitbild einer gleichberechtigten und partnerschaftlichen Familie, aber auch zu den langfristigen Karriereplanungen von Frauen. Kein Wunder, dass es dann oft beim ersten Kind bleibt.

Ökonomisch gesehen, sind Kinder keine gute Investition - nicht einmal, was das Glück angeht. Befragungen zeigen, dass Männer und Frauen, die für Kinder sorgen, keinesfalls glücklicher sind als ihre kinderlosen Altersgenossen: sie erleben Stress und Belastungen, Sorge um Einkommen und Zukunft. Der Philosoph Wilhelm Schmidt hat deswegen kürzlich in einem Interview mit der Zeitschrift „ Psychologie heute“ unseren Glücksbegriff in Frage gestellt. Unsere Vorstellung vom Glück sei inzwischen durch die Ideen von Erfolg und Leidfreiheit geprägt, meint er. Stattdessen gehe es aber um das Glück der Fülle, das Kinder erleben, das wir mit Kindern erleben -  im Lachen wie im Weinen, in intensiven Begegnungen und Entdeckungen. Das Glück der Fülle, das uns bewusst macht: Leben lohnt!

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Angesichts der Reproduktionskrise, des demographischen Wandels und des tiefgreifenden Strukturwandels am Arbeitsmarkt stehen wir vor der Herausforderung, Erwerbsarbeit und die Fürsorge  im Erwerbsverlauf und im Familienzyklus gerecht zu verteilen. Ansonsten droht die Versorgungslücke, das Care-.Defizit, von der der Siebte Familienbericht bereits spricht. Haus- und Familienarbeit brauchen eine neue gesellschaftliche Wertschätzung- und zwar jenseits der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung und ohne ein für alle Mal festgelegte Rollen. Die Zeit, die Väter und Mütter, Töchter, Söhne und Partner mit Erziehungs- und Pflegeaufgaben verbringen, muss mit beruflichem Einsatz vereinbar sein und sich auch in Steuer und Sozialversicherungsrecht niederschlagen- so wie es im überkommenen Arrangement mit dem Ehegattensplitting und Mitversicherungsleistungen der Fall war. Gesine Schwan hat diese Idee im Modell einer partnerschaftlichen Familie als öffentliches Gut entwickelt.

 

Zeit für und mit Familie

Familie ist Sehnsuchtsort- Familie wird aber auch geplant und muss geplant werden. Dabei gerät die Zeit für Familiengründung im Lebenslauf genauso unter Druck wie die, Gestaltung von „Familienzeit“ im Alltag. Arbeitszeit und Familienzeit haben unterschiedliche Rhythmen und widersprüchliche Anforderungen. Partner und Familienmitglieder sind in unterschiedliche Zeitstrukturen, wie Arbeitszeiten, Schul-, Behörden- und Verkehrszeiten, eingebunden. Diese unterschiedlichen Zeittakte können  konfliktträchtig aufeinander prallen. Je vielfältiger Familien sind, je vielfältiger auch die Ansprüche, desto mehr muss Familienleben ausgehandelt und gestaltet, ja „hergestellt“ werden. Zugleich aber lebt Familie von Kontinuität, von gemeinsamen Rhythmen und Ritualen. Sie stiften Nähe, ermöglichen gegenseitige Wahrnehmung und Unterstützung. Routinen wie das Sonntagsfrühstück und Rituale wie das Zubettbringen spielen eine besondere Rolle- sie haben eine Bedeutung für Zusammenhalt, Kultur und Identität bis hin zur religiösen Erziehung. Als fester freier Tag in der Woche eröffnet der Sonntag ein Zeitfenster für ungeplante Zeit, für spontane Begegnungen, für andere Menschen, für sich selbst und im Besonderen für Gott. Noch ist dieser Tag in unseren Kalendern rot angestrichen, aus dem Alltag „ausgegrenzt“ und respektiert, eine „andere Zeit“ so wie die großen Feste des Kirchenjahrs. Wir sollten alles tun, damit nicht auch dieser Tag mehr und mehr unter Flexibilisierungs - und Ökonomisierungsdruck gerät - und mit ihm eine Insel in der Zeit für Familien.

Die Zeit für Familie scheint knapp geworden; zugleich haben wir als Individuen aber Zeit gewonnen. Statistisch gesehen zehn gesunde Jahre. Die nachberufliche Phase dauert nicht selten 20 bis 30 Jahre. In dieser Lebensphase spielen Großelternschaft und übrigens auch das Engagement für andere Kinder in Nachbarschaft und Gemeinwesen eine wesentliche Rolle. Generationenbeziehungen, insbesondere zu den eigenen Kindern und Enkeln, stellen eine wichtige Ressource für Autonomie und Lebensqualität dar; fast 80 Prozent beschreiben ihre Beziehung zu den Enkelkindern als eng; genauso wie die Eltern-Kind - Beziehungen sind auch die Großelternbeziehungen heute freundschaftlich und solidarisch, durch wechselseitiges Lernen gekennzeichnet.

Auch in der so genannten. „multilokalen Mehrgenerationenfamilie“ fühlen sich auch erwachsene Kinder und Eltern emotional eng verbunden; sie stehen miteinander in Kontakt und unterstützen sich gegenseitig. Ohne die Solidarität zwischen den Generationen käme manche junge Familie in finanziellen Notsituationen, aber auch bei plötzlichen Kinderbetreuungsengpässen in große Schwierigkeiten. Umgekehrt erhalten Ältere, vor allem wenn sie hilfsbedürftig werden, vielfältige praktische Hilfen zur Bewältigung des Alltags – von Einkauf, Behördengängen, Arztbesuchen und Instandhaltung der Wohnung bis hin zur Pflege. Allerdings zeigen die Ergebnisse des dritten Freiwilligensurveys der Bundesregierung, dass diese kleinen sozialen Netze löchriger werden: waren es im Jahr 1999 Jahren noch 74 Prozent der Befragten, die angaben, sie könnten sich in Notsituationen auf Familie und Freunde verlassen, so waren es 2009 nur noch 64 Prozent. Die Solidarität in der Familie braucht also Ergänzung durch die größere gesellschaftliche Solidarität.

 Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen brauchen aber wie Familien mit kleinen Kindern besondere Unterstützung für ihre belastende Situation. Dazu gehören besser finanzierte und mit mehr Zeitkontingenten ausgestattete mobile Pflegedienste, ebenso wie Kurzzeit- und Tagespflegeangebote, kurze Wege zum Arbeitsplatz und zu Einkaufsmöglichkeiten und eine unterstützende Beratung und eine Gestaltung von Wohnungen und Quartieren, die Kindern wie Älteren angemessen ist. Immer noch sind etwa 70 Prozent der pflegenden Angehörigen weiblich. Angesichts der schon in den nächsten 10 Jahren zu erwartenden Zahl der Pflegebedürftigen – Schätzungen gehen von ca. zwei Millionen häuslich zu Pflegenden aus - werden sich noch  Männer stärker als bisher an der häuslichen Angehörigenpflege beteiligen müssen. Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss also auch im Blick auf Pflege für Männer wie Frauen durchbuchstabiert werden. Aber nicht nur für Eltern mit kleinen Kindern, nicht  nur für pflegende Angehörige sondern auch für Ältere wird es in Zukunft wichtig sein, die Arbeitszeit an die jeweilige Lebensphase anzupassen. Wir müssen die so genannte Rush-Hour des Lebens entlasten und für eine neue Verteilung von Aus.- und Weiterbildungsphasen, Erziehungs- und Pflegezeiten und Karriereschritten in der länger gewordenen Erwerbsbiographie sorgen. Dabei darf nicht vergessen werden: die Investition in  Bildung und Carearbeit bietet letztlich die Voraussetzung dafür, dass Erwerbsarbeit überhaupt stattfinden kann.

 

Freiheit und Angewiesenheit ausbalancieren

Nach evangelischem Verständnis gehören Autonomie und Angewiesenheit, Freiheit und Bindung zusammen und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Leitlinie einer evangelisch ausgerichteten Förderung von Familien, Ehen und Lebenspartnerschaften muss die konsequente Stärkung von fürsorglichen Beziehungen sein. Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung füreinander übernehmen, sollten sie Unterstützung in Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen finden und zwar mit praktischen Hilfen, mit gottesdienstlichen, pädagogischen und diakonischen Angeboten. Dabei sollte die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, nicht entscheidend sein. Alle familiären Beziehungen, in denen sich Menschen in Freiheit aneinander binden, füreinander Verantwortung übernehmen und eine verlässliche Partnerschaft eingehen, müssen auf die Unterstützung der evangelischen Kirche bauen können.

Aber auch die Erwartungen an Gleichheit und Gerechtigkeit müssen vor dem Hintergrund der befreienden Botschaft des Evangeliums ernst genommen werden. Frauen wie Männer haben ein Recht auf einen eigenen Lebensentwurf, in dem sich Beruf und Familie verbinden lassen. Zugleich aber ist deutlich, dass ein Familienmodell mit zwei Verdienern selbst bei guten Betreuungsangeboten zu erheblichem Zeitdruck und Belastungen führt. Deshalb sind die neuen Modelle partnerschaftlicher Familien zu unterstützen, die Erwerb und Familie verbinden, um beiden Partnern neben der beruflichen Entfaltung Zeit für Kinder und die Sorge für andere zu ermöglichen. Dazu braucht es neue Formen gesellschaftlicher, rechtlicher und sozialpolitischer Unterstützung und Honorierung  privat geleisteter Erziehungs - und Sorgearbeit. Familien bleiben die wichtigsten Orte für das umsorgte und gedeihliche Heranwachsen der Kinder und für die Einübung gesellschaftlicher Solidarität.

·        Tageseinrichtungen und Schulen, aber auch Pflegedienste und  Kirchengemeinden müssen sich deshalb neu als Partner für Familien verstehen. Eine zentrale Aufgabe ist der Ausbau von Tageseinrichtungen und  Familienzentren, die Zusammenarbeit mit Familienbildungsstätten, Ehe -, Lebens - und Familienberatungsstellen. Kirchengemeinden und Diakonische Einrichtungen müssen sich dabei noch stärker vernetzen - Patenprogramme, Leihoma - Dienste, Welcome - Agenturen können noch mehr als bisher mit Tageseinrichtungen und Familienzentren zusammen arbeiten. Rund um Taufe und Konfirmandenarbeit sind Familien mit vielfältigen Angeboten anzusprechen und zu erreichen. Auch seelsorgliche Unterstützung kann dazu beitragen, dass das Miteinander in Partnerschaft und Familie gelingt - sie sollte aber auch da sein, wenn das Misslingen einer Beziehung bewältigt werden muss oder wenn Paare in einer mobilen Gesellschaft ihren Zusammenhalt gestalten.

·        Aber auch als Arbeitgeberin ist Kirche gefragt, wenn es darum geht, Familie zu unterstützen: Das betrifft die Tarifgestaltung genauso wie die Arbeitszeitpolitik, es betrifft aber auch die Erwartung an Pfarrerinnen und Pfarrer. Die wachsende Vielfalt von Familienformen im Pfarrhaus hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu Konflikten geführt - von der Berufstätigkeit der Pfarrfrauen bis zum Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Partner. Zugleich wächst angesichts der Vielfalt der Arbeitsfelder, von Teilzeitbeschäftigungen und Pendelbeziehungen im Pfarrhaus das Ringen um eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die einander eben nicht mehr wie in Luthers Pfarrhaus selbstverständlich ergänzen.

·        Aus all dem resultieren neue Anforderungen für alle, die Verantwortung in der Gemeinde übernehmen, die planen und gestalten. Sie sollten die Gegebenheiten und Veränderungen nicht nur sensibel wahrnehmen, sondern sie bei der Entwicklung von Angeboten gezielt berücksichtigen. Die Kommission schlägt ein Siegel „familienkompetente Gemeinde“ vor, das EKD-weit Gemeinden motivieren könnte, die Ressourcen in der eigenen Gemeinde in ihrer Breite und Vielfältigkeit zu erfassen  neue Anknüpfungspunkte jenseits der traditionellen Angebote zu schaffen und Gemeinde als familiaritas zu gestalten.

Beginnend mit dem Schöpfungssegen, über das Zeichen des Regenbogens und die Verheißung von Zukunft nach der großen Flut, bis zum Sinaibund und den Segenshandlungen Jesu lassen sich die biblischen Texte als Zuspruch lesen, sich immer neu auf das Leben einzulassen, das Leben zu wagen, Verantwortung zu übernehmen und  anderen  zu verlässlichen Bündnispartnern und zum Segen zu werden. Familien sind auf diesen Segen angewiesen - und wir können als Kirche dazu beitragen, dass er erfahrbar wird.

Cornelia Coenen-Marx; Kiel , 13.9.12

 


Willkommen in der familienwerkstatt – familylab.de

familylab macht gute Eltern besser

In der familienwerkstatt sind wir Spezialisten darin, Vorträge und Seminare zu gestalten, in denen Eltern und professionelle Fachleute Anregungen und Ideen zu ihrer Arbeit finden können. Und um die bestmögliche Chemie innerhalb der Familie, zwischen Kindern und Erwachsenen, wie auch in Beziehungen innerhalb von Schulen und Betrieben, zu schaffen.

»Das Schlüsselwort heißt Beziehung. Ihre Qualität entscheidet über unser Wohlbefinden und unsere Entwicklung als Mensch. Kinder werden mit allen wesentlichen menschlichen Qualitäten geboren und haben daher auch dieselbe Verletzlichkeit und Überlebensfähigkeit wie Erwachsene. Eltern zu sein bedeutet, eine Rolle im Leben einzunehmen, die uns vor große Herausforderungen stellt.« Jesper Juul

»Das sogenannte Problem oder Symptom ist nicht so wichtig. Wichtig ist die Person, die das Symptom trägt. Wir können das Problem nicht lösen, aber wir können Menschen darin unterstützen, destruktive Systeme, Perspektiven und Verhalten ins Konstruktive zu wandeln.« Jesper Juul

»Ich nehme die Menschen ernst, aber nicht ihr Problem.« Jesper Juul

Kinder lernen nicht einfach, was wir Erwachsenen wollen und wann wir es wollen – sie lernen, wenn sie dafür bereit sind (und das entscheiden sie selbst).

Willkommen in einem Universum von Inspiration und Wegweisung, das wir familylab.de – die familienwerkstatt, nennen. Hier können Sie spannende Artikel lesen und Informationen zu unseren Vorträgen, Seminaren und unserer Arbeit finden. Hier können Sie sich stärken für Ihre Aufgaben als Vater, Mutter, als Eltern, Großeltern und Partner. Führungskräfte in Wirtschaft und Schule finden hier Ideen wie sie sich und ihr Team stärken können. Nichts ist spannender als Beziehung
mehr Infos unter: http://www.familylab.de/


Heil(ig)e Familie, was hat uns geprägt, wohin kann es gehen?

Wenn Menschen über Familie reden oder an Familie denken, kommt bei vielen ein Bild, das uns die Werbung jahrelang bis heute vorgespiegelt hat: Vater, Mutter, Sohn und Tochter, glücklich strahlend, jung, schön, sportlich, gut situiert. Der allein verdienende Vater kommt nach der Arbeit in ein blitzblankes, aufgeräumtes Haus, seine entspannt strahlende Frau hat ein leckeres Essen auf den schön gedeckten Tisch gezaubert, die Kinder setzen die Erfolgs­linie in Schule, Kunst und Sport fort. Das ist das „Ideal“, das viele von uns geprägt hat, das immer noch besonders Frauen, aber auch Männer unter Druck setzt, die perfekte Familie ent­wickeln zu müssen. Dabei gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Formen familiären Zusammenle­bens, die Familie mit zwei Eltern, die Einelternfamilie, die Patchworkfamilie, die Familie mit gleichgeschlechtlichen PartnerInnen und Familie anderer Lebensgemeinschaften.

Für die Definition für Familie gibt es viele Möglichkeiten, je nach angewandten Parametern. So setzt die biologische Definition Blutsverwandtschaft voraus, gilt also z.B. nicht für Adoptivfamilien. Die soziale Definition setzt die Lebensgemeinschaft unter einem Dach voraus. Gemeinsam ist beiden, dass es sich dabei um mindestens zwei Generationen handelt und die Beziehung auf Dauer angelegt ist. Juristisch wird die Familie durch die Normen des Rechtssystems bestimmt, wie sie in den Gesetzen gefasst sind, z.B. erklärte das Kindschaftsreformgesetz von 1997 nicht mehr die Ehe, son­dern die unaufkündbare Beziehung zwischen Eltern und Kindern für Familien konstitutiv. Daraus begründet sich das gemeinsame Sorgerecht bei Scheidungen.1  Soziologen sehen die Familie als Zusammengehörigkeit von mindestens zwei aufeinander bezogenen Generationen im Eltern- Kind- Verhältnis, in der es um Bewältigung des sich immer verändernden Alltages geht 2 oder auch als kommunikatives Netzwerk um verlässliche persönliche Fürsorgebezie­hungen zentriert.3  Eine heute angemessene Definition könnte lauten: Familie lebt dort, wo Menschen verbindlich, verlässlich und zugewandt dauerhaft Verantwortung füreinander übernehmen, z.B. für (kleine) Kinder oder alte Eltern.

In einer EKD Stellungnahme von 1998 heißt es: „Da, wo Kinder geboren werden, entsteht Familie: Familie wird durch Elternschaft konstituiert.“4 Und  in der familienpolitischen Stellungnahme des Rates der EKD heißt es 2002: „Ehe und Familie sind für den christlichen Glauben gute Gaben Gottes. Die evangelische Kirche sieht in ihnen die grundlegende und exemplarische Form menschlichen Zusammenlebens“5 Die Kirche geht also davon aus, dass eigentlich die von Menschen gewünschte Form die lebenslange Beziehung in Ehe und Familie ist, wenn sie auch die anderen Formen akzeptiert.6  Sie findet sich im Einklang mit unter­schiedlichen Studien, denen zufolge ein hoher Prozentsatz auch junger Menschen sich Familie wünscht. Immer noch halten nicht nur sehr traditionell und konservativ Geprägte an dem bürgerlichen „Ideal“ als einzig gültiger Familienform fest und verstehen alle anderen eigentlich als defizitär.

Dabei ist diese Form familialen Lebens in der Kleinfamilie, die wir als gottgegeben kennen gelernt haben, historisch gesehen sehr jung. Sie entwickelte sich erst mit der industriellen Revolution und der folgenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Der Arbeitsmarkt brauchte Arbeiter, die viele Stunden ohne Unterbrechung an einem Ort tätig sein konnten.

Damit veränderte sich die vordem gemeinsame Produktion und verantwortete Hausgemein­schaft in bäuerlichen Kontexten und die Wirtschaftsgemeinschaft der Handwerksfamilien. Männer gingen „extern“ der Erwerbsarbeit nach, die Frauen waren „intern“ für Haus und Kinder zuständig, Zusammenleben und Erwerb waren getrennt und Familie wurde zum Ort privater Beziehung. Der Preis dafür war und ist bis heute u.a. die strukturelle Ungleichheit der Geschlechter in dem männlichen Ernährermodell mit der Hausfrauenehe. Die Frauen hatten die Sorgearbeit zu leisten, die Männer den Familienverdienst zu erwirtschaften. Die ehemali­gen sozialen Netze verloren ihre Bedeutung. Die Kleinfamilie war allein verantwortlich für das Leben und die Erziehung ihrer Mitglieder.

Es zeigt sich zunehmend, dass die Kleinfamilie mit dieser Aufgabe allein total überfordert ist. Ein oder zwei Erwachsene können Kindern nicht das Lernfeld  und die Identifikationsbreite bieten, die sie zu einer guten Entwicklung brauchen. Das galt schon in früheren Zeiten und anderen Gesellschaften, wie das afrikanische Sprichwort zeigt, dass es ein ganzes Dorf braucht um Kinder zu erziehen, und das wird in einer Wirtschaftswelt mit lebenslangem Lernen und stetigen Anpassungserfordernissen erst recht so sein.

Die Gesellschaft veränderte sich weiter und mit ihr die Strukturen des Zusammenlebens. Mit dem Übergang von der Industriegesellschaft in die nachindustrielle Wissensgesellschaft, zur wissensbezogenen Dienstleistungsgesellschaft, wie Soziologen unseren jetzigen Gesellschaftstyp bezeichnen, verlor die arbeitsteilige Familienform ihre Bedeutung7. Längst gibt es andere Lebensmodelle, die aber weder von der Politik noch der gesellschaftlichen Wertedis­kussion nachvollzogen worden sind. Vor allem Frauen sind mit dem Kleinfamilien -  Modell unzufrieden. Auf der einen Seite ist die soziale Absicherung der Frauen durch diesen Fami­lien­stand nicht mehr gewährleistet, es gibt ein hohes Armutsrisiko im Scheidungsfall. Auf der anderen Seite haben junge Frauen heute eine viel bessere Bildung, die auch nachgefragt wird. Sie haben häufig bessere Abschlüsse als Männer und Chancen, beruflich Karriere zu machen, wenn sie ihre Lebensentwürfe dem Arbeitsmarkt anpassen können. Da diese Anpassungsleis­tung immer noch überwiegend von Frauen erbracht wird, führt dies bei vielen jungen Frauen zum Verzicht auf Kinder, weil sie keine Möglichkeit sehen, Beruf und Familie befriedigend zusammenzubinden8.  Die Wirtschaft setzt andere Prioritäten als die Beziehung zwischen Menschen. „Enge Bindungen und langfristiger Zusammenhalt wie in der klassischen Familie passen zunehmend weniger in Wirtschaft und Gesellschaft, die von Kurzfristigkeit und Flexibilität geprägt sind.“Es wird erwartet, dass jede/r selbst dafür sorgt, dass Familie und Beruf vereinbar ist. Aber Facharbeitskräfte werden knapp, die gut ausgebildeten Frauen werden gebraucht. Langsam entsteht in der Wirtschaft ein Bewusstsein für die Folgen des demographischen Wandels und man beginnt allmählich z.B. mit Betriebskindergärten, flexiblen Arbeitszeiten oder Homeoffice die Familien aktiv zu unterstützen.

Bis heute halten sich traditionelle Bilder hartnäckig gegen die Alltagserfahrung. Die Kirche unterstützt wie die sie prägende Mittelschicht die Kleinfamilie und damit eine bestimmte Gesellschaftsform, als wäre sie die einzig richtige für ChristInnen. Es ist aber nicht mehr selbstverständlich, dass eine klare familiäre Struktur Verlässlichkeit bietet, sondern Familien müssen heute ihren Alltag unter eigenen und gesellschaftlichen hohen Erwartungen immer wieder neu herstellen und gestalten. Das ist eine Balanceleistung zwischen den gesellschaftli­chen Erwartungen und den familiären Beziehungen. Eltern „belasten sich bis an ihre Grenzen und vernachlässigen ihre Selbstsorge. Damit wird das Gelingen von Familie als System…sehr störanfällig.“10 Je mehr Anpassung an den Arbeitsmarkt gefordert wird, je weniger eine Familie noch von einem Gehalt leben kann, je unverzichtbarer ein guter Bildungsabschluss für Kinder ist,  je mehr Frauen und auch Männer versuchen, den Spagat zwischen den unter­schiedlichen Forderungen als Kleinfamilie zu leisten, desto größer wird die Überforderung und desto häufiger das Scheitern. Eltern plagen sich mit Schuldgefühlen, versagt zu haben, die Seelen der Kinder mit der eigenen Unfähigkeit über die Maßen zu belasten.

Ein sehr einseitiges Verständnis der Heiligen Familie hat mit Sicherheit dazu beigetragen. Alle kennen die Bilder des Heiligen Paares und des Jesuskindes im Stall, eine Geborgenheit ausstrahlende „Dreieinigkeit“. Guckt man genau hin, war es ein ärmlicher Stall und keine Ferienwohnung. Es war die Geburt eines Armeleutekindes mit ungeklärter Vaterschaftsfrage. Die Hirten als Gratulanten sind die letzten in der gesellschaftlichen Werteskala, arm und wenig geschätzt. Wir haben das, was in der Bibel erzählt wird, über die Jahrhunderte in einen schöneren Kontext gestellt, weil wir es nicht aushalten, dass solch ein unvollkommenes Milieu ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt wird. Brauchen wir unbedingt ein Heil(ig)es Vorbild, damit wir in unserer Unvollkommenheit nicht die Hoffnung verlieren? Eigentlich erzählt das Neue Testament genau das Gegenteil. In der Zuwendung Gottes in die Unvollkommenheit bekommen wir die Kraft, an dem zu arbeiten, was bedrückt und unterdrückt.

Für keine Frau erreichbar – so sie es denn überhaupt will - ist das Ideal der Madonna. Aber es dient dazu, Schuldgefühle zu wecken und sich selbst nicht wert zu schätzen. Madonnenbilder wie die sixtinische Madonna sind vielen bekannt. Maria geschmückt mit den Farben der Himmelskönigin, rot und blau und mit einem erhabenen Gesichtsausdruck zwischen milde und verklärt, freundlich und liebevoll zugewandt, eine perfekte Mutter mit Engelsgeduld. Ganz anders das Bild des Surrealisten Max Ernst von 1926 „Die Jungfrau züchtigt den Jesusknaben“. Immer noch in den Farben der Himmelskönigin ist Maria eine Mutter, die hilflos ist, die von ihrem pfiffigen Sohn an ihre Grenzen geführt wurde, die die Nerven verliert, gegen ihre Überzeugung handelt, kurz eine Frau wie Du und ich. Max Ernst wurde exkommuniziert wegen dieses Bildes. Wie eine Kollegin mir neulich erzählte, stößt dieses Bild immer noch auf Widerstand in Frauenkreisen.  „Aber eigentlich hat sie ihn doch nie geschlagen!?“. Was passiert, wenn noch nicht einmal die Heilige Familie heil und perfekt ist? Vielleicht ist der Satz einer Weihnachtskarte die Antwort: Mach’s wie Gott, werde Mensch! Vielleicht lernen wir uns selbst anzunehmen, wenn wir uns klar machen, wie sehr Gott uns angenommen hat. Wir können stolz auf uns sein trotz und mit unserer Unvollkommenheit, stolz auf uns Menschen mit viel gutem Willen, großen Fähigkeiten und Gaben, denen Gott selbst sich anvertraut hat und dies in jedem Kind wiederholt. Statt auf das Unperfekte zu schauen, das es natürlich gibt, hilft es vielmehr darauf zu achten, was unsere Ressourcen das Leben positiv und konstruktiv zu gestalten stärkt und hilft, sie zum Einsatz zu bringen.

Selbst wenn Kirche immer weiter das Modell der Ehe und Kleinfamilie vorzieht, es gibt in der Bibel keine Definition von Familie und es lässt sich auch keine aus ihr ableiten. Beschrieben werden die verschiedenen Weisen des Zusammenlebens – als Familienclan und Großfamilien im Alten Testament, als Haus im Neuen Testament. Und zum Haus gehören verschiedene Generationen und Verwandtschaft - und Beschäftigungsgrade. „Nach biblischem Verständnis (gibt) es keine Form der Familie, die kurzschlüssig mit dem >Willen Gottes< gleichzusetzen wäre und deshalb eine spezielle Heilszusage aufzuweisen hätte.“11 Nicht die Gestalt von Beziehung ist für die biblischen Geschichten wichtig, sondern die Gestaltung von Beziehung.

Allein können Familien (ich denke jetzt Familie in allen gelebten Formen) Verlässlichkeit angesichts des schnellen Wandels kaum mehr gewährleisten, die Sorge für Kinder und Alte und ihren Alltag nicht mehr verbindlich auf Dauer gestalten. Ein neues soziales Netz im Um­kreis des Lebensmittelpunktes ist nötig. Kinder brauchen Menschen außerhalb der Familie, die sie mögen, mit denen sie noch andere Lebensbereiche kennen lernen können, andere Be­gabungen, Fähigkeiten und Lebensentwürfe entdecken können. Eltern brauchen Unterstüt­zung beim Entwickeln ihrer Erziehungskompetenz, Austausch und Wertschätzung ihrer Mü­he. Sie brauchen Unterstützung dabei, nicht grenzenlos den familiären Alltag an die Forderungen des Arbeitsmarktes anzupassen, sondern dafür zu sorgen, dass der Arbeitsmarkt sich danach richtet, was die Sorge - Beziehungen an Lebensqualität brauchen, also für eine Arbeitsstruktur einzutreten, die diese Qualität berücksichtigt.

Es werden schon verschiedene Konzepte verwirklicht, die solch ein neues soziales Netz her­zustellen versuchen. Ein Beispiel sind die Familienzentren in Nordrhein – Westfalen. Kinder­tagesstätten werden für Familien im Umkreis – Sozialraum nennt man das heute – zu Zentren entwickelt, in denen alle Angebote, die Familien brauchen niedrigschwellig zu finden sind: unterschiedliche Beratungsangebote,  Familienbildung, Babysitterdienste, Patengroßeltern, Wahlfamilien, Austausch in einem Zentrums - Café etc. Solche Angebote, die auf die Bedürfnisse der dort lebenden Menschen eingehen, können Familien aus ihrer Isolation heraus führen, können zur Entlastung und damit zur Stabilisierung beitragen. Sie können Bildungs­biografien von Kindern gerechter unterstützen, als dies bisher möglich ist. Sie können die Fähigkeiten, Lebensweisheit und Zeit der älteren Generation in die Beziehungen am Ort ein­bringen helfen und damit zur kulturellen Verortung und Integration beitragen. Es können auf diese Weise sehr unterschiedliche familiale Kontexte entstehen, in denen Menschen füreinan­der verbindlich und verlässlich Verantwortung übernehmen.  Das ist für mich eine zeitgemäße Auslegung des Missionsbefehls aus Matthäus 28: Macht euch auf den Weg und lasst alle Völ­ker mitlernen. Taucht sie ein in den Namen Gottes, Vater und Mutter für alle, des Sohnes und der heiligen Geistkaft. Und lehrt sie, alles, was ich euch aufgetragen habe, zu tun. Und seht: Ich bin bei euch, bis Zeit und Welt vollendet sind.12

Aufsatz von Margit Baumgarten für die EfiD, Arbeitshilfe zum Weitergeben

Fußnoten:
1 Vgl. S. 29 Michael Domsgen: Familie und Religion, Leipzig 2006, 2.Auflage
2 Vgl. S. 182 Knuth/Sabla/Uhlendorff: Das Familienkonzeptmodell: Perspektiven für eine sozialpädagogisch fokussierte Familienforschung und –diagnostik, in: neue praxis, Lahnstein 2002
3 Vgl. S. 35 Andreas Lange/Christian Alt: Die (un-)heimliche Renaissance von Familien im 21. Jahrhundert in: neue praxis, Sonderheft 9, Lahnstein 2009
4 Vgl. Kapitel III,  EKD Stellungnahme 1998: Gottes Gabe und persönliche Verantwortung. Zur ethischen Orientierung für ein Zusammenleben in Ehe und Familie
5 S.3 EKD Texte 73, 2002: Was Familien brauchen
6 vgl. S3 ebd.
7 Vgl. S. 19  Bertram: Zur Zukunft der Familie, in: neue praxis, Sonderheft 9, Lahnstein 2002
8 Vgl. S. 49, Notburga Ott: Familie in der modernen Gesellschaft in Wie viel Familie verträgt die moderne Gesellschaft? Studie des Roman – Herzog - Instituts
9 S3 Sinusuntersuchung Eltern unter Druck, Stuttgart 2003
10 S25 Karin Jurczyk:Familie als Herstellungsleistung – Herausforderung für die Bildungsarbeit mit Familien, in: Forum Erwachsenenbildung2/11
11  S. 274 Michael Domsgen: Familie und Religion, Leipzig 2006, 2. Auflage
12  Übersetzung nach: Bibel in gerechter Sprache